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Neue Rechte : Tellkamps Gesinnungskorridor

Verärgert: Uwe Tellkamp Bild: dpa

In einem offenen Brief kritisiert der Schriftsteller Uwe Tellkamp die politische Debattenkultur. Er wendet sich damit gegen die „Erklärung der Vielen“.

          Dieses Mal fällt die Aufregung um Uwe Tellkamp nicht ganz so groß aus. In einem offenen Brief, veröffentlicht auf dem Onlineportal sezession.de der gleichnamigen neurechten Zeitschrift, spricht er von einem Gesinnungskorridor. Damit geht er auf die „Erklärung der Vielen“ ein, in der sich Kulturschaffende am 9. November in Berlin, Dresden, Düsseldorf und Hamburg gegen rechten Populismus ausgesprochen haben.

          Dabei hatte Tellkamp schon einmal vor einer Gesinnungsdiktatur gewarnt, als er die sogenannte Charta 2017 unterzeichnete, in der sich die Unterzeichner dagegen aussprachen, rechte Verlage von der Frankfurter Buchmesse auszuschließen. Auch erregte er Aufsehen, als er sich gegen die deutsche Flüchtlingspolitik stellte, im März 2018, auf einer Podiumsdiskussion mit dem Lyriker Durs Grünbein in Dresden vor etwa tausend Zuhörern. Mehr als 95 Prozent der Flüchtlinge würden nicht vor Krieg und Verfolgung fliehen, sondern um in die Sozialsysteme einzuwandern. Sein Verlag Suhrkamp twitterte daraufhin, dass Tellkamps Haltung nicht der des Verlags entspreche, woraufhin wiederum eine Debatte entbrannte, ob der Tweet von Suhrkamp anmaßend sei. Diesen Hintergrund muss man sich noch einmal kurz vor Augen führen, wenn es um die aktuellen Äußerungen geht.

          Für den Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Universität Tübingen war die Debatte zu Beginn des Jahres ein „Lehrbuchbeispiel für die Empörung zweiter Ordnung“. Dem Spiegel sagte er damals: „Jemand sagt etwas, aber dann beginnt kein Gespräch, kein suchendes, um Nuancen bemühtes Verstehen. Dann beginnt die Sofort-Etikettierung der anderen Position, die Empörung über die Empörung der jeweils anderen Seite. ,Seht her! Ihr wollt nur erziehen! Nur stigmatisieren! Nur moralisieren!‘“

          Debatte habe einen Tiefpunkt erreicht

          Nach längerem Schweigen polemisiert Tellkamp jetzt wieder, angefacht von der „Erklärung der Vielen“. „Diese Erklärung“, schreibt er nun, „ein weiteres Dokument, für das sich einige der Unterzeichner vielleicht einmal schämen werden, zeigt den viel bestrittenen Gesinnungskorridor ebenso erschütternd wie deutlich.“ Da ist sie wieder, die Gesinnung, diesmal immerhin nur als Korridor, nicht als Diktatur.

          Was hatten die Kulturschaffenden am 9. November unterschrieben? In der Dresdener Version stand beispielsweise Folgendes: „Der rechte Populismus, der die Kultureinrichtungen als Akteure dieser gesellschaftlichen Vision angreift, steht der Kunst der Vielen feindselig gegenüber. Rechtspopulistische Gruppierungen und Parteien stören Veranstaltungen, wollen in Spielplane und ins Programm eingreifen, polemisieren gegen die Freiheit der Kunst und arbeiten an einer Renationalisierung der Kultur. Ihr verächtlicher Umgang mit Menschen auf der Flucht, mit engagierten Kulturschaffenden, mit Andersdenkenden verrät, wie sie mit der Gesellschaft umzugehen gedenken, sobald sich die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten verändern würden. In unserem Bundesland Sachsen arbeiten Pegida, Identitäre Bewegung und AfD Hand in Hand und polemisieren gegen die demokratische weltoffene Gesellschaft. Dem stellen wir uns entgegen.“

          In den Augen Tellkamps ist die Erklärung die eigentlich eine Sammlung mehrerer Erklärungen ist ein „Tiefpunkt der Debatten- und Toleranzkultur“, sie zeuge vom „moralischen und intellektuellen Bankrott“ der Initiatoren.

          Tellkamp: Linke vertragen keinen Widerspruch

          Doch nicht nur auf die „Erklärung der Vielen“ geht Tellkamp ein. Auch ein Schreiben in der Novemberausgabe des „Elbhang Kurier“ nimmt er als Anlass für seinen offenen Brief. Das Schreiben entstammt der Feder von Hans-Peter Lühr, dem Herausgeber der Dresdner Hefte, und Paul Kaiser, dem Direktor des Dresdner Instituts für Kulturstudien. Lühr und Kaiser haben ihren Brief an die Buchhändlerin Susanne Dagen vom Dresdner Buchhaus Loschwitz adressiert, und kritisieren ihre Zusammenarbeit mit dem Antaios Verlag des neurechten Verlegers Götz Kubitschek und seiner Frau Ellen Kositza.

          Warum fragen sie, führe Dagen eine Diskussionsreihe mit dem Antaios-Verlag unter dem Titel „Aufgeblättert, Zugeschlagen. Mit Rechten lesen“ durch? „Unser großes Unbehagen, liebe Susanne Dagen, ist Deine offene Solidarisierung mit dem rechten Spektrum der Gesellschaft. Dieser Prozess einer Radikalisierung hat seit Deinem Engagement für die AFD (…) im nun ganz offenen Werben für neurechte Inhalte und Parolen einen kritischen Punkt erreicht.“

          Tellkamp verteidigt hingegen Dagen, die vielmehr eine Auszeichnung verdient habe. Weiter schlägt der Schriftsteller, der 2008 für seinen Roman „Der Turm“ den Deutschen Buchpreis erhielt, einen populistischen Ton an, der an die Sprache der Neurechten erinnert. Häufig habe er das Gefühl, dass die politisch links stehenden Medien keinen Widerspruch ertrügen, anders als die „als rechts verschrienen Einmannunternehmen, die auf kleinen Blogs oder in kleinen Zeitschriften gegen die Wucht des Common sense anschreiben.“ Überhaupt sei die Meinungsvielfalt in den sozialen Medien besser abgebildet als in den traditionellen Medien.

          Auch wiederholt Tellkamp seine Kritik an der Flüchtlingspolitik. Die Kultur Deutschlands werde preisgegeben, sollte die Einwanderung weiterhin so hoch bleiben wie aktuell. Dass dieser seit 2015 stark zurückgegangen ist, will er nicht glauben.

          Im Grunde genommen alles beim Alten also. Tellkamp nutzt die Meinungsfreiheit aus, kommt trotz des vermeintlichen Gesinnungskorridors zu Wort und wird auch zitiert, sogar von den klassischen Medien.

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