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Uwe Tellkamp in Dresden : Gesellschaftskritik statt Buchpremiere

Uwe Tellkamp Bild: dpa

In Uwe Tellkamps Buchpremiere zu „Das Atelier“ stand das Werk nicht im Mittelpunkt. Stattdessen erklärte der Autor die Zivilgesellschaft zur Erbin der Stasi – und die öffentlich-rechtlichen Medien zu Propagandisten.

          3 Min.

          Es dürfte selten sein, dass bei einer Buchpremiere das Werk selbst im Hintergrund steht. So geschehen am Samstagabend in Dresden, wo Uwe Tellkamp eine halbe Stunde aus seinem neuen Band „Das Atelier“ las, dann aber viel mehr Zeit darauf verwandte, abermals die Verhältnisse in diesem Land zu kritisieren. Zur Premiere geladen hatte Susanne Dagen, Inhaberin des Buchhauses Loschwitz am Fuße des Dresdner Elbhangs, das etwa an der Stelle liegt, an der Tellkamps preisgekrönter Roman „Der Turm“ beginnt. Mehr als zehn Jahre ist das her, inzwischen hat sich Dagens Laden von einer Pilgerstätte des Kulturbürgertums zu einer Kampfzone entwickelt: Von den einen wird sie als eine Art Jeanne d’Arc der Meinungsfreiheit bejubelt, von anderen als Propagandistin der „Neuen Rechten“ bezeichnet.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Dagen geht damit inzwischen äußerst offensiv um. „Natürlich bin ich kein Opfer“, sagte sie am Samstag. „Ich bin Täter, und darauf bestehe ich.“ Denn die Premiere war eine doppelte: Neu war auch die Buchreihe namens „Exil“, die Dagen in ihrer „Edition Buchhaus Loschwitz“ herausgibt. Neben Tellkamp veröffentlichen hier Jörg Bernig und Monika Maron als Erste jeweils gut hundert Seiten starke Bände. Ihr sei völlig klar, dass schon das Wort „Exil“ in diesem Zusammenhang eine Provokation bedeute, sagte Dagen. Von ihr wisse man, dass sie auch mal „geschichtsvergessen“ mit Begriffen umgehe, „um sie wieder in Gebrauch zu bringen“. Vor drei Jahren hatte sie die Petition „Charta 2017“ initiiert, in der sie dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels einen „Gesinnungskorridor“ vorwarf und vor einer „Gesinnungsdiktatur“ warnte. Man kann das aber auch sehr gut als schamlose Vereinnahmung der Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“ verstehen, in der Menschen in der Tschechoslowakei zum Teil unter Einsatz ihres Lebens gegen die kommunistische Diktatur protestiert hatten.

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