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Literaturnobelpreisträgerin : Amerikanische Autorin Toni Morrison gestorben

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Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison ist mit 88 Jahren gestorben. Bild: AFP

Die Psychologie des Rassismus prägte ihre Bücher: Toni Morrison gilt als eine der wichtigsten afroamerikanischen Schriftstellerinnen. Jetzt ist sie nach kurzer Krankheit gestorben.

          Die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison ist tot. Morrison, die als eine der wichtigsten afroamerikanischen Schriftstellerinnen gilt, starb am Montagabend im Alter von 88 Jahren, wie ihr Sprecher Paul Bogaards der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag bestätigte.

          Toni Morrison wurde als Chloe Ardelia Wofford am 18. Februar 1931 in der Industriestadt Lorain, Ohio, als zweites von vier Kindern des afroamerikanischen Arbeiterehepaares Ramah und George Wofford geboren. Sie wuchs in einem Wohnviertel auf, in dem hauptsächlich polnische und italienische Einwanderer lebten. Bei Schuleintritt war sie das einzige afroamerikanische Kind in ihrer Klasse. Beide Eltern stammten aus den einstigen Sklavenhalterstaaten im Süden der Vereinigten Staaten: die Mutter aus Alabama, der Vater aus Georgia. Als Studentin änderte Morrison ihren Rufnamen Chloe wegen der schwierigen Aussprache in Toni.

          Ab 1949 studierte sie Anglistik mit dem Nebenfach Altphilologie an der Howard University in Washington/D.C. und wechselte dann an die renommierte Cornell University. Nach Lehrtätigkeiten an der Texas Southern University und der Howard University kehrte Toni Morrison als geschiedene Mutter mit zwei kleinen Söhnen in die Heimat zurück und zog dann nach New York, wo sie 1965 bis 1983 als Lektorin beim Verlag Random House wirkte und zur Cheflektorin für afroamerikanische Literatur aufstieg. In dieser Rolle trug sie dazu bei, afroamerikanische Persönlichkeiten ins Bewusstsein des Publikums zu befördern, brachte unter anderem Bücher der Schriftstellerin Toni Cade Bambara, der Bürgerrechtlerin Angela Davis und des Boxers Muhammad Ali heraus und landete 1974 mit der historisch-dokumentarischen Anthologie „The Black Book“ einen großen Erfolg. 1984 folgte sie, inzwischen selbst Bestsellerautorin, einem Ruf der State University of New York auf den Albert-Schweitzer-Lehrstuhl und nahm auch mehrere Gastprofessuren wahr. Von 1989 bis zur Emeritierung 2006 war sie Professorin für Geisteswissenschaften an der Elite-Universität Princeton, wurde dort Direktorin des Instituts für afroamerikanische Studien, lehrte Kreatives Schreiben und gründete 1993 das Princeton Atelier, das Künstlern, Schriftstellern und Studenten Gelegenheit zu gemeinsamen Projekten bietet.

          Durchbruch mit dem zweiten Roman

          Toni Morrison wird zu den bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellern der Vereinigten Staaten gerechnet. Die Psychologie des Rassismus zählt zu den zentralen Themen ihrer Bücher. Die Neue Zürcher Zeitung (6.5.2006) attestierte der Autorin „handlungspralle Storys, die hochkomplexe Diskurse verhandeln, realistische Figuren, die magisch funkeln, und eine alltagsnahe Sprache, die kunstvoller kaum sein kann“. Morrison machte sich überdies als Essayistin einen Namen und verfasste auch Kinderbücher, Liedtexte und Bühnenwerke.

          Morrison war bereits 39 Jahre alt, als 1970 ihr erster Roman erschien, „The Bluest Eye“ (dt. 1979, „Sehr blaue Augen“), die Geschichte eines von der eigenen Mutter verachteten und vom Vater missbrauchten Mädchens, das sich nichts sehnlicher wünscht als blaue Augen – ein Buch über den verinnerlichten Rassismus afroamerikanischer Menschen, das auch vor dem Hintergrund der „Black is beautiful“-Bewegung der 1960er Jahre zu lesen ist. Der literarische Durchbruch gelang ihr mit dem zweiten Roman „Sula“ (1973; dt. 1980) über die Freundschaft zweier junger Frauen, die auf sehr unterschiedliche Weise ihren Weg im Leben suchen.

          Ihren fünften, im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts angesiedelten Roman „Beloved“ (1987; dt. 1989, „Menschenkind“) widmete sie den 60 Millionen Menschen, die durch die Folgen der Sklaverei umkamen. Die Geschichte der Sklavin Sethe, die nach ihrer Flucht in die Freiheit ihre zweijährige Tochter umbringt, um sie vor den Sklavenfängern zu retten, basiert lose auf dem wahren Fall der Kindsmörderin Margaret Garner. 1988 erhielt Morrison den Pulitzer-Preis für diesen historischen Roman, der zugleich als Geistergeschichte eine düster-mystische Aura entfaltet und als Meisterwerk der amerikanischen Gegenwartsliteratur gilt.

          Als erste Afroamerikanerin wurde Toni Morrison 1993 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. In der Begründung des Nobelpreiskomitees hieß es, ihre von „visionärer Kraft und poetischer Prägnanz“ geprägte Romankunst mache „eine wesentliche Seite der amerikanischen Wirklichkeit“ lebendig. Der „Spiegel“ (11.10.1993) würdigte ihre literarische Leistung mit den Worten, sie habe „dem schwarzen Amerika seine lange vergessene und verdrängte Geschichte zurückgegeben“, aber nicht in Form von schlichter Betroffenheitschronik, sondern als „souveräne, sprachgewaltige Erzählerin, die sich ihre ganz eigene Form geschaffen hat: eine Verbindung aus literarischen Techniken der westlichen Moderne und rhetorischen Traditionen der Schwarzen“.

          2012 verlieh der damalige amerikanische Präsident Obama der Schriftstellerin Toni Morrison die Medal of Freedom

          Morrisons neuere Romane, vom Umfang her näher an der Novelle als am Epos, zeichnen sich durch einen konzentrierteren Erzählgestus aus, doch ihren Themen blieb sie treu. Über die gespaltene Gesellschaft Amerikas äußerte sie sich wiederholt auch in Interviews. Bei den Präsidentschaftswahlen 2008 und 2012 unterstützte sie Barack Obama, der das höchste Staatsamt als erster Afroamerikaner innehatte und in ihr nach eigenem Bekunden erstmals das Gefühl weckte, eine Amerikanerin zu sein. Nach der Wahl von Donald Trump im November 2016 erschien Morrisons Essayband „The Origin of Others“ (2017; dt. 2018, „Die Herkunft der anderen“) zur Frage von Rasse, Rassismus und Literatur.

          Morrison lebte in einem Haus am Hudson River in Rockland County, New York. Wie die Familie der Autorin am Dienstag mitteilte, starb sie nach kurzer Krankheit im Alter von 88 Jahren. „Obwohl ihr Ableben ein gewaltiger Verlust ist, sind wir dankbar, dass sie ein langes, gutes Leben gelebt hat“, erklärten ihre Angehörigen. Sie sei „vergangene Nacht friedlich verstorben“.

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