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Ursula Krechel im Gespräch : Was die Romantik für uns bedeutet

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Befürworterin des Romantikmuseums: Autorin Ursula Krechel Bild: Röth, Frank

Frankfurt ringt um ein Romantikmuseum - Buchpreisträgerin Ursula Krechel kann das nicht verstehen. Ein Gespräch über radikale Romantikerkonzepte und die Waldeinsamkeit.

          Was interessiert Sie an der Epoche der Romantik?

          Es ist eine experimentelle, forschende Zeit, beseelt von einer ungeheuren Kraft und dem Wunsch nach Veränderung. Mich interessiert der Einbruch der Moderne, die Fragmentarisierung, die offenen Formen und gebrochenen Perspektiven, aber auch der Eintritt des Wunderbaren in die Realität.

          Liegt darin auch das Moderne der Romantik?

          Absolut! Für die Moderne ist die Romantik ein ganz wichtiger Angelpunkt, ein Drehpunkt.

          Was unterscheidet die Romantik von unserer Gegenwart?

          Es war eine aufgewirbelte Welt. Dagegen haben wir heute eine Menge politischer und sozialer Ordnungsprinzipien. Das Entsetzen in der nachnapoleonischen Zeit war groß. Das war ein Epochenbruch, den die Menschen erlebten. Das Ausmaß können wir uns heute gar nicht vorstellen.

          Dabei wird heute „romantisch“ oft mit Kitsch gleichgesetzt. Und allem Möglichen wird ein romantischer Anstrich gegeben. Hat die alltägliche Bedeutung des Wortes etwas mit dem Ursprung in der Romantik zu tun?

          Ich warne unbedingt davor, einen Romantikbegriff wie etwa den von der romantischen Straße oder dem Romantik-Hotel in einer Art naiven Kontinuität zu sehen. Auf diesem Missverständnis beruht möglicherweise auch die bedauerliche Entscheidung der Frankfurter Stadtväter gegen das Romantikmuseum. Darauf, dass sie keine Ahnung haben, was die Romantik als ästhetisches Model bedeutet hat.

          Waren die Romantiker Kinder der Aufklärung oder Gegner?

          Schwer zu sagen. Man muss die verschiedenen Lebensepochen unterscheiden. So ist die späte Bettina von Arnim eine radikale politische Aufklärerin. Joseph von Eichendorff dagegen geht ins Reaktionäre, Clemens von Brentano wird immer individueller. Und die Günderrode leidet wie ein Hund an ihrer Zeit. Dass sich die Lebensentwürfe so unglaublich individualisieren, macht den Reiz der Epoche aus. Und es bringt gar nichts, ein grobes Schema anzulegen, bei den Romantikern muss man immer ins Detail gehen. Das Interessante an ihnen ist ja gerade, dass sie in so viele Richtungen ausgeschwärmt sind, antiklassische Formen ausprobiert haben. Die Brüder Grimm etwa versuchen auf ihrer Suche nach Volksmärchen, in der mündlichen Überlieferung verschüttete Quellen ausfindig zu machen, Bettina von Arnim experimentiert mit der Gesprächskultur, andere mit dem Briefroman.

          Beansprucht die Romantik einen eigenen Zugang zur Wahrheit?

          Die Romantik vervielfältigt die Wahrheit und holt andere Bereiche in die Wirklichkeit hinein, den Traum und die Erinnerung beispielsweise, den Volksglauben und den Fiebertraum, Terrains, die vorher in der abgesegneten Rationalität gar nicht existierten. In den Gemälden Caspar David Friedrichs lässt sich das sehr schön sehen, die Erfahrung absoluter Einsamkeit. Die Naturerfahrung kommt zwar vor, aber nicht in der Aneignung einer Landschaft, sondern in der dramatischen Erfahrung des Einzelnen in der Natur. Friedrich ging es um die radikale Aussetzung einer Individualität in einer extremen Umgebung. Darin liegt das große Missverständnis. Und das wäre die große Chance eines Romantikmuseums in Frankfurt: eine vielfältigere und modernere Sicht auf die Romantik zu bieten als die festgefahrenen Modelle. Das Freie Deutsche Hochstift hat eine einzigartige Sammlung zur Romantik in Frankfurt. Dass es diese nicht zeigen kann, weil es keinen Platz dafür gibt, ist skandalös.

          Wirkten die Romantiker über die Kunst hinaus in die Gesellschaft?

          Durchaus, in diesem radikalen Zugriff auf das Leben und ihren Versuchen, feste Strukturen zu verändern und flüssiger zu machen. Auch in dem Streben, utopische Liebesbeziehungen zu führen, nicht normative Beziehungen, haben sie mit dem Leben experimentiert. Ich denke an Schlegels „Lucinde“. Das interessiert uns heute nicht weniger als damals.

          Wie wirkt die Romantik auf Ihr eigenes Werk als Schriftstellerin?

          Es gibt in meinen Texten, insbesondere in den Gedichten, eine Aufmerksamkeit für Träume und das Unbewusste, für eine Realität jenseits der Realität, das sind durchaus Bewegungen, die von der Romantik über den Surrealismus in die Gegenwart gekommen sind.

          Die Romantik ist aufs engste verknüpft mit dem Phantastischen, Wundersamen und der Irrationalität. Wie wirkt das heute auf uns, da wir in einer durchrationalisierten Welt leben, die mehr und mehr von Maschinen bestimmt wird?

          Die meisten Menschen sind zwar einverstanden, dass sie immer gläserner und fremdbestimmt werden, doch lässt sich zugleich eine Sehnsucht nach radikalen Gegenentwürfen erkennen. Die einen wandern, die anderen erforschen sich auf Pilgerreisen. Der Ansturm andauernder Gegenwart bringt solche Fluchten mit sich...

          ... die auch in ein Romantikmuseum in Frankfurt führen können.

          Ganz genau!

          Für manche ist der Name Romantikmuseum problematisch.

          Das empfinde ich auch so. Mir wäre es lieber, das Hochstift fände sich da wieder. So wie es in Weimar auch „Klassik Stiftung Weimar“ heißt. Es wäre gut, wenn hier der Alltagsbegriff der Romantik nicht mit der historischen Epoche in Konflikt geraten würde. Vielleicht hat auch das den Unwillen der Frankfurter Politiker befördert. In diesem Teil Frankfurts, um das Goethe-Haus herum, ist die Stadt schon so kaputtgemacht worden. Ich verstehe nicht, dass man sich die Chance entgehen lässt, die das Museum hier eröffnen würde. Man muss sich nur einmal alte Bilder von Frankfurt anschauen, um zu erkennen, was da für eine Kultur war, wo heute Möbelhäuser stehen. Es ist erschreckend.

          Warum, glauben Sie, lässt man die Chance verstreichen?

          In Frankfurt mit seiner rasant wechselnden, sich austauschenden Bevölkerung gibt es immer weniger Bürger, die noch eine Vorstellung von der Ästhetik des Verlorenen in dieser Stadt haben. Und damit will ich nicht dem Wiederaufbau der Altstadt als Disneyland das Wort reden, sondern einer historischen Schichtung. Da ist in Frankfurt, das so stolz ist auf seine Bankentürme, die sich in Wahrheit überall in der Welt finden, etwas verlorengegangen. Das Museum wäre eine Chance, dem entgegenzuwirken.

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