https://www.faz.net/-gr0-6tcqc

Unsere literarische Epoche : Ichzeit

  • -Aktualisiert am

Die Literatur der Ichzeit ist natürlich nie auf die altmodische Art realistisch. Das darf sie auch nicht sein. Sie ist mal Cut-up, mal ein Hin und Her zwischen Gedicht und Roman, sie ist mal linear, mal irre Montage, und sie ist in dem Sinne post-postmodern, dass keiner ihrer schreibfertigen Autoren so tut, als wäre er ein auktorialer Tyrann; aber gleichzeitig, im Gegensatz zu Calvino und seinen ironischen Schülern, meint er jedes Wort ernst, todernst, denn er und sein blutendes Ich sind der Star, sind der Text, und vielleicht ist es auch genau andersrum. Vor allem diese stilistische Offenheit, diese Methoden- und Perspektivenvielfalt kennzeichnet die neue Ich-Literatur als antiideologisch bis ins hermeneutische Mark.

Literatur ändert sich - und bleibt immer Literatur. Sogar als sie noch im ursprünglichen Sinn realistisch war, war sie nie das Leben. Literatur war und ist und bleibt immer ein Tagtraum aus Buchstaben. Literatur ist die Stimme eines tief fühlenden Menschen, der in wunderbaren Sätzen zu uns darüber spricht, wie es ihm geht, was er sieht, was er fürchtet, was er liebt. Ob er dafür eine gewisse Anna Karenina erfinden muss oder bis zur Kenntlichkeit sein eigenes Ich entblößt, ist egal. Hauptsache, er kann das, was er tut, so gut, dass die Lektüre seines Buchs in uns das gleiche vergängliche mystische Erlebnis erzeugt wie ein Lucian-Freud-Bild, ein Otto-Sander-Monolog oder ein von Barenboim dirigiertes Mahler-Konzert. Wir sind da, spüren wir dann bis in den tiefsten Winkel unserer Seele und unseres Gehirns, und eines Tages werden wir nicht mehr da sein, und mit uns verschwinden leider auch unsere Seele und unser Gehirn, verflucht.

Eine neue literarische Epoche

Als vor zwei Jahren „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann erschien - eines der wichtigsten Bücher der Ichzeit -, hassten es die meisten Kritiker. Das war schon mal sehr gut, denn dieses Buch war seit langem wieder die erste brauchbare Abrechnung mit den alten Linken, Liberalen und früheren 68ern, die ihre Kinder zugleich allein ließen und überforderten, und das Geschrei der Kritiker, die komischerweise bis heute immer noch fast alle links sind, war das Geschrei von Verwundeten. Aber noch besser war es, dass sie Hegemann vorwarfen, sie, die Siebzehnjährige, kenne das Leben nicht, das sie beschreibe, sie könne doch gar nicht mit dem Einsatz ihres eigenen Körpers und Daseins für die literarische Kraft ihres dunklen Nacht-Romans bürgen, denn ins „Berghain“ und seine Darkrooms käme man erst, wenn man volljährig ist. Wirklich witzig.

Über einen solchen Verriss hätte sich Rainald Goetz 1982 in Klagenfurt gefreut. Er musste damals aus dem Hotelfenster springen, damit ihn die vom besorgten Juryvorsitzenden gerufenen Irrenwärter nicht ins Irrenhaus bringen konnten. Kurzum, sogar die Kritiker beginnen langsam zu ahnen, dass Schriftsteller inzwischen etwas anders machen als in den idyllischen, risikolosen Gruppe-47-Tagen und den vielen leeren Sprachspieljahren danach - dass eine neue literarische Epoche angebrochen ist.

Warum ist es wichtig, dass wir die Bewohner einer neuen literarischen Epoche sind? Anders gefragt: Ist es Ihnen wichtig? Mir schon. Denn ich weiß immer gern, wo ich bin und warum ich dort bin - damit ich so bald wie möglich wieder verschwinden kann.

Weitere Themen

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Die nächste Spitze

Prinz Harrys Autobiographie : Die nächste Spitze

20 Millionen Dollar soll Prinz Harry für ein Buch angeboten bekommen haben. Die Ankündigung einer „intimen und tief gefühlten“ Autobiografie weckt Befürchtungen über neuen Zwist in der Königsfamilie.

Topmeldungen

Soldaten der tunesischen Armee bewachen am 26. Juli den Eingang des Parlamentsgebäudes in Tunis

Politische Krise in Tunesien : Ein Land in angespannter Ruhe

Die Entmachtung des tunesischen Ministerpräsidenten Hichem Mechichi durch Staatspräsident Kaïs Saïed ist für manche Grund zu feiern – andere sprechen von einem Putsch. Die Lage bleibt angespannt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.