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Unsere literarische Epoche : Ichzeit

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Und hier ein paar Beispiele für die neue, aufklärerisch unduldsame Literatur der Ichzeit, in der wir zum Glück seit einem Vierteljahrhundert leben und arbeiten dürfen. In „Die Anstalt der besseren Mädchen“, einem der besten und vergessensten Romane dieser Zeit, tritt Julia Zange mit fast schon betäubender, ultramoderner Sprache und einer erregenden pornographischen Radikalität allen Feministinnen in den Schoß, die den Feminismus nur dafür nutzen, nach der Macht in der Familie nun auch noch die Macht in der Gesellschaft zu erobern.

Jakob Arjouni räumt in „Magic Hoffmann“, dem einzigen echten Berlin-Roman, mit dem neuen Wilhelminismus ab, bevor es ihn richtig gab. Dietmar Dath macht in „Für immer in Honig“, dem wenig bekannten, aber ebenbürtigen Zwilling von David Foster Wallace’ „Infinite Jest“, auf einen Schlag mit seiner eigenen und der allgemeinen Kapitalismus- und Feuilletonismus-Trottelei Schluss. Robert Schindel erklärt in seinem genialen, pasternakhaften, Satz für Satz wie gedichteten Nachgeborenenroman „Gebürtig“ jedem, der es nicht weiß und nicht wissen will, dass der Faschismus erst dann besiegt ist, wenn auch heute keiner mehr an ihn glaubt, auch nicht als an das ultimativ böseste Böse ever, schlechthin und überhaupt.

Uwe Tellkamp erledigt auf 1000 berauschend schön geschriebenen Seiten fünfzig Jahre DDR und auch noch fünfzig Jahre innere DDR-Emigration. Christian Kracht löst, mehr oder weniger, die Hedonismusfrage. Rainald Goetz entlarvt den Freudianismus als Therapeutendiktatur. Ralf Rothmann beschreibt in „Junges Licht“ den Materialismus der fünfziger und sechziger Jahre als das wenig wirksame Gegengift der kaputten, kranken, gemeinen Nachkriegsdeutschen gegen den inneren KZ-Aufseher in jedem von ihnen. Und Wolfgang Herrndorf schreibt einen der schönsten, menschlichsten und nur scheinbar konventionellsten deutschen Romane der letzten hundert Jahre - und beendet damit in einem einzigen herrlichen Meta-Vorbeigehen die längst hohle Herrschaft der literarischen Post- und Pseudo-Avantgardisten. Vielen Dank.

Literatur bleibt immer ein Tagtraum aus Buchstaben

Natürlich gibt es noch andere große Romane, von denen ich nicht einmal weiß. Aber alle die, die ich kenne, eint ein mal zart, mal hart formulierter, optimistischer Hass auf das große, gemeine, unterdrückende Ganze. Auf der Rückseite der Taschenbuchausgabe von „Junges Licht“ steht: „Wenn du dich für die Freiheit entschieden hast, kann dir gar nichts passieren. Nie.“ Richtig! Und als in „Stille Zeile Sechs“ Rosalind Polkowski, die gar nicht so gute Kämpferin fürs Gute, mal wieder wütend dem verlogenen, selbstherrlichen SED-Superfunktionär Beerenbaum gegenübersteht, denkt sie: „In dieser Minute begriff ich, dass alles von Beerenbaums Tod abhing, von seinem und dem seiner Generation.“ Keine Freiheit ohne das Ende der alten Herrscher und Herrschaften? Auch richtig! Das ist natürlich sehr radikal. Das ist, vom kollektivistischen Öko-Merkel-Jetzt aus betrachtet, viel entschlossener und politischer als eine PEN-Club-Resolution oder eine Günter-Grass-Rede. Das ist der - vielen immer noch unbekannte - revolutionäre literarische Geist einer neuen, unideologischen Schule. Das ist so viel Ich und Freiheitsdrang und tolle Literatur wie lange nicht mehr.

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