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Unsere literarische Epoche : Ichzeit

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Oder Christian Kracht, verwöhnt, blasiert und eine Weile fast immer wie im Rausch auf dieser Welt. Plötzlich setzt er sich hin und schreibt mit „1979“ einen bösen, wunderschönen, hochkonzentrierten Anti-Kapitalismus-Klassiker, dessen traurige Hauptfrage lautet: Wie schafft es ein dekadenter Narziss sein Ego zu besiegen? Noch traurigere Antwort: Auch wenn er in einem chinesischen Umerziehungslager Scheiße und Maden frisst - gar nicht. Und dass ich selbst wegen eines angeblich hyperrealen Buchs vom Verfassungsgericht ein Publikationsverbot bekam, sieht in diesem Zusammenhang plötzlich wie eine Literaturkritik aus, wie ein gigantischer Verriss à la Klagenfurt und eine vorweggenommene Epochenzuordnung.

Wir Kinder von Warhol, Hollywood und Zuckerberg

Ist es nicht normal, dass Autoren ihre Erfahrungen verarbeiten? Ja, aber nicht gleich alle und nicht gleich alle so intensiv. Und es gibt eine weitere Gemeinsamkeit: Fast jedes der bedeutenden deutschen Bücher der vergangenen Jahre kommt in der ersten Person Singular daher - oder zumindest ist der Protagonist dem Autor zum Verwechseln ähnlich. Das ist kein Zufall. Nur ein kräftiger Erzähler-Ich kann die faszinierende, den Leser mitreißende Illusion erzeugen, dass der Erzählende und der Schreibende ein und dieselbe Person sind.

Das muss und das kann heute gar nicht anders sein. Denn erstens nimmt längst kein intelligenter Mensch mehr einem Autor einen paternalistischen 19.-Jahrhundert-Realismus ab, auch nicht einem so geschickten Handwerker wie Jonathan Franzen, an den sich in ein paar Jahren darum keiner erinnern wird. Und zweitens war noch nie eine Autorengeneration so narzisstisch wie unsere, nicht einmal die Romantiker, die Beatniks oder die Surrealisten. Denn Eigenliebe, die bei ihnen noch sehr privat war, wird heutzutage auch beim normalsten Facebook-Nutzer durch die Medienlupe bis ins Monströse vergrößert. Wir, die Schriftsteller, sind natürlich auch die Kinder von Warhol, Hollywood und Zuckerberg. Warum sollen wir aber in unseren Büchern auf Balzac machen, statt auf Britney Spears, und zwar auf die, die sich gerade für die ganze Welt eine Verzweiflungsglatze scheren lässt?

Erst wenn keiner mehr an ihn glaubt

Übersteigerter Individualismus hat immer etwas Neurotisches. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass publizierende Extremindividualisten automatisch jede Form von Gruppenzwang, Massenidiotie und Ideologie ablehnen. Und so ist jedes Buch dieser literarischen Superego-Epoche mehr als phantastische Prosa. Es ist immer auch eine Totalabrechnung mit einem Ismus, wie man früher gesagt hat, als man noch an Ismen glaubte, mit einem Stück Kollektivwahn oder einfach nur mit ein paar Nervensägen, die dasselbe denken und von jedem anderen verlangen, dass er es auch tut. Wären nicht unsere Eltern und Lehrer im Stechschritt marschierende 68er gewesen, hätten wir vielleicht einen größeren Sinn fürs Kollektiv, für die Hammelherde, fürs Wir.

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