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Unsere literarische Epoche : Ichzeit

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Wie hätte er über den eigenen Tod geschrieben

Kurz nach Goetz’ Roman, der auch darum so gut und modern ist, weil man nie weiß, ist das jetzt Prosa, Reflexion oder Poesie, erschien Jörg Fausers „Rohstoff“, die deprimierende Roadmovie-Geschichte eines jungen Deutschen, der als Junkie im Sechziger-Jahre-Istanbul praktisch jeden Tag einmal stirbt. Dann geht er nach Deutschland zurück, wo ihn die linken und rechten Lügner noch mehr fertigmachen als das türkische Opium, und das Einzige, was ihn in den grauen deutschen Städten Frankfurt, Göttingen und Berlin überleben lässt, ist das Schreiben darüber, wie er überlebt. Dieser Roman tut weh, so schön und tief empfunden ist er. Und genau das ist er auch. Denn Jörg Fauser hat den Siebziger-Jahre-BRD-Horror, den er beschreibt, Wort für Wort, Niederlage für Niederlage, genauso selbst erlebt. Eine gute literarische Investition.

„Zweiundzwanzig Jahre das Du gesucht“, schreibt Harry Gelb alias Jörg Fauser, „und dann definitiv festgestellt, dass es nur ein Ich gibt, und das trägt schmutzige Unterhosen, grüne Socken mit Löchern und mitten in der Stirn ein rotes Loch.“ Toll, oder? Und verdammt blutig, auch ohne Rasierklinge. Wie schade, dass der existenzielle Trinker Fauser, der ein paar Jahre später morgens um vier betrunken auf einer bayerischen Autobahn überfahren wurde, über seinen Amy-Winehouse-Tod nicht mehr selbst schreiben konnte. Es wäre sein stärkster Text geworden.

Eine vorweggenommene Epochenzuordnung

Viele der besten, wichtigsten Bücher der letzten zweieinhalb Jahrzehnte wären ohne den extremen persönlichen Einsatz ihrer Verfasser undenkbar gewesen, und es mussten nicht immer gleich Sex, Drogen und Musik im Spiel sein.

In „Die Ausgewanderten“ erzählt W. G. Sebald, mehr Hypnotiseur als Schriftsteller, von jüdischen Emigranten, die vor den Nazis fliehen, aber Deutschland und seine kalten, bösen Bewohner in ihren Köpfen und Herzen mitnehmen und daran zugrunde gehen. Sebald, ein kluger, hellsichtiger, wenig gereister Nichtjude aus der fränkischen Provinz, hätte diese vier langen, unvergesslichen Erzählungen nie schreiben können, wenn er nicht selbst in den sechziger Jahren in ein rätselhaftes, freiwilliges Exil gegangen wäre, nach England, nach Norwich, in eine Gegend, mit der ihn so viel verband wie Hans Sahl mit den Washington Heights oder Walter Benjamin mit den Pyrenäen.

Oder Monika Maron, deren „Stille Zeile Sechs“ für die kollektive Erinnerung an die bösen alten DDR-Bolschewiken genauso prägend ist wie das Buch Ester für die Ikonographie aller blutrünstigen orientalischen Könige. Sie musste jahrelang heftig mit dem System kokettieren und es schließlich schroff ablehnen, bis sie zu dieser literarischen Weltklasseleistung fähig war, bis sie erzählen konnte, wie es ist, wenn eine Frau, die keine Heldin ist, zur Heldin, aber auch zur Mörderin wird.

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