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Ungarischer Schriftsteller : György Konrád gestorben

Zeitlebens bemüht um die Aussöhnung: György Konrád Bild: Picture-Alliance

Der ungarische Schriftsteller war ein Brückenbauer zwischen Ost und West. Aus dem Dissidenten der Zeit vor dem Mauerfall wurde einer der weltweit einflussreichsten Intellektuellen, der besonders in Deutschland wirkte.

          2 Min.

          Jetzt sterben die letzten Jahrhundertgestalten, nachdem sie noch das neue Jahrtausend geprägt haben – Menschen, die das zwanzigste Jahrhundert mit seinen Abgründen erleben mussten, daraus die Konsequenzen zogen und sich für eine Aussöhnung der Völker eingesetzt haben, ohne dabei noch an falsche Ideale zu glauben, wie sie die gescheiterten Ideologien verheißen haben. Ungarn hat besonders viele davon hervorgebracht: Imre Kertész, Agnes Heller, Peter Esterházy. Und György Konrád, der gestern im Alter von sechsundachtzig Jahren in Budapest gestorben ist.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Als er im ungarischen Debreczen zur Welt kam, war Hitler gerade zwei Monate Reichskanzler in Deutschland. Dass nicht nur der Sohn einer jüdischen Familie die Hitler-Zeit überlebte, sondern auch seine Eltern und Geschwister, war ein Wunder. Konrád und die anderen Kinder wurden in Budapest versteckt, Vater und Mutter kamen aus den deutschen Lagern zurück. Das Werk des Schriftstellers György Konrád stand deshalb im Zeichen dieser glücklichen Fügung. Ein Grund vertrauen ins Schicksal aber hat es ihm nicht verschafft.

          Spätes Debüt

          Dazu erlebte Konrád zu viel vom zwanzigsten Jahrhundert; nach der Nazi-Zeit vor allem den ungarischen Aufstand von 1956 und die bleierne Zeit im Ostblock danach. Als Autor debütierte er spät, erst 1969 im Alter von sechsunddreißig Jahren mit dem Roman „Der Besucher“, und danach trat gleich eine größere Publikationspause ein, weil Konrád sich in der Bürgerrechtsbewegung betätigte. Kaum kamen 1977 ein zweiter Roman und eine erste politische Essaysammlung, erhielt er in Ungarn ein Publikationsverbot, das zehn Jahre lang gelten sollte.

          In einer der seltsamen Wendungen der sozialistischen Zensurgeschichte ließ man den Dissidenten aber in den Westen reisen, wodurch er dort bekannter wurde, als er es durch ungarische Publikationen je hätte werden können. Was in der Heimat nicht gedruckt werden durfte, erschien nun in anderen Sprachen, vor allem auf Deutsch, so etwa die Romane „Geisterfest“ und „Melinda und Dragoman“. 1991 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2001 den Karlspreis der Stadt Aachen, jeweils für seine Rolle als sowohl literarischer als auch politischer Brückenbauer zwischen Ost und West.

          Besonders häufig hatte Konrád sich vor dem Mauerfall in West-Berlin aufgehalten. Diese Stadt sollte neben Budapest zum zweiten Fixpunkt seines Lebens werden, vor allem, als er 1997 zum Präsidenten der dortigen Akademie der Künste gewählt wurde. Auf dieser Schlüsselstelle nicht nur des deutschen, sondern auch des internationalen intellektuellen Lebens war Konrád dank seiner persönlichen Erfahrungen zwischen Ost und West und seines zeitdiagnostischen Interesses der richtige Mann zur richtigen Zeit.

          Nach der sechsjährigen Zeit als Akademiepräsident konzentrierte er sich wieder mehr aufs Schreiben, 2005 erschien sein autobiographisches „Buch Kalligaro“ (deutsch 2007). Das letzte Jahrzehnt seines Lebens war beeinträchtigt durch eine schwere Krankheit, der Konrád aber immer noch Essays und öffentliche Auftritte abtrotzte, die ihn zum Musterbild dessen machten, was im Englischen der Begriff „public intellectual“ bezeichnet.

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