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Ulrich Schacht : Bekenntnisse eines Lutheraners

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Ein' feste Burg ist sein Gott: Ulrich Schacht, im Hintergrund die Wittenberger Schlosskirche Bild: Andreas Pein

Auf der Suche nach dem Vater: Der Schriftsteller und Lutheraner Ulrich Schacht liest in Wittenberg aus seiner meisterhaften Familiengeschichte - eine Begegnung mit tieferem Sinn.

          Am Nachmittag des 15. August 1950 irgendwo in der DDR wird die dreiundzwanzigjährige Wendelgard Schacht von einem Kriminalkommissar der Deutschen Volkspolizei unter einem Vorwand aus dem Haus gelockt und der sowjetischen Geheimpolizei übergeben. Sie bleibt für Monate verschwunden. Erst am 20. Dezember erreicht die Familie ein Brief aus dem Frauengefängnis Hoheneck bei Stollberg im Erzgebirge, in dem die Frau schreibt, dass es ihr gutgehe. Die Mutter und die zweijährige Tochter sollen beruhigt sein, bis sie im März 1951 einen weiteren Brief erhalten, aus dem hervorgeht, dass die Gefangene „wegen Verleitung zum Landeshochverrat zu zehn Jahren Haft“ verurteilt wurde.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Sie hatte sich mit einem russischen Offizier eingelassen, war von diesem schwanger geworden und hatte ihn (vergeblich) dazu überreden wollen, in den Westen zu gehen. Am 9. März wird ihr Sohn Ulrich im Frauengefängnis geboren und nach einem Vierteljahr ins Leipziger Kinderheim gegeben, wo ihn seine Großmutter abholt und zu Pflegeeltern gibt, die in der Wismarer Nachbarschaft wohnen. Dort bleibt er, bis seine Mutter im Januar 1954 vorzeitig entlassen wird. Am ersten gemeinsamen Abend sagt er, als wäre nichts gewesen, „Gute Nacht, Mama“, umhalst, küsst sie und schläft dann ein.

          Nichts aus dem Schicksal gelernt

          Ulrich Schacht ist also gerade sechzig geworden und sitzt jetzt in der Wittenberger Innenstadt draußen vor einem italienischen Restaurant, liest in einer Karl-Marx-Biographie und raucht dabei Zigarre. Am Abend wird er in der Evangelischen Akademie aus seinem gerade bei Aufbau erschienenen Buch lesen, in dem er die Geschichte seiner Familie verarbeitet hat: „Vereister Sommer“, eine Mischung, könnte man sagen, aus Walter Kempowski und „Doktor Schiwago“, ein literarisches Meisterwerk.

          Ulrich Schacht hat selbst im Gefängnis gesessen. 1973 wurde er wegen staatsfeindlicher Agitation verurteilt und saß in Brandenburg ein, bis der Westen ihn 1976 freikaufte. Christian Lehnert, der Pfarrer, der die Lesung abends moderieren wird, sagt, Schacht habe es mit seinen Schriften - Flugblätter und eine Universitätsarbeit, in der er sich wenig systemkonform mit der These von der „wachsenden Aggressivität des Imperialismus“ auseinandersetzte - geradezu darauf angelegt. So gesehen, hätte er aus dem Schicksal seiner Mutter, die, wie sein Vater, noch lebt, nichts gelernt.

          Abwechselnd jovial und ernst

          Schacht sagt: „Es gibt eine Tradition in meiner Familie, in entscheidenden Momenten keine Rücksicht auf Bedrohungen zu nehmen und das zu sagen, was man für die Wahrheit hält. Ich bilde mir gar nichts darauf ein.“ Wer ihn aus der Nähe betrachtet, mit seinem kantigen Schädel und dem fast eisgrauen Stoppelbart, und ihn reden hört, abwechselnd jovial und dann, wenn es um Politik geht, wieder sehr ernst, bisweilen schneidend, wird zu dem Ergebnis kommen, es mit einem protestantischen Überzeugungstäter zu tun zu haben: Hier sitzt er, schwarz gekleidet, in der Märzsonne und kann nicht anders. Insofern hat es schon seine Richtigkeit, dass er in Wittenberg auftritt.

          Wie war das damals, als er, nachdem Gefängnisangestellte ihn, den Vierteljährigen, der vor Wut fast ohnmächtigen, aber durch nichts einzuschüchternden Mutter wegnahmen - um ein Haar wäre er dabei zu Boden gefallen! -, ihr dann im Alter von drei Jahren zurückgegeben wurde? „Ich hab' das gar nicht so gemerkt. Es war natürlich schwer für die Pflegeeltern.“ Bei der Übergabe hat die Pflegemutter zur richtigen Mutter gesagt: „Wir haben ja gar nicht damit gerechnet, dass du zurückkommst.“

          Mehr als zehn Jahre musste er den Stoff liegenlassen

          Mutter und Sohn, beide im Gefängnis - das ist ja wirklich wie bei Kempowskis, oder? „Ach, Walter“, sagt Schacht und lacht, wie um diesen Vergleich abzuwehren. „Walter hatte ja einen ganz anderen Zugang, nicht so analytisch.“ Aber Mutter Schacht und Mutter Kempowski, die eine Generation trennte, saßen im selben Gefängnis und haben sich wohl auch gelegentlich von weitem gesehen.

          Schacht holt sein Buch aus einer schwarzen Aktentasche. Auf dem Umschlag sind Fotos zu sehen: er als Dreijähriger mit einem großen Stoffhund, blonde Haare, rührend, wie das Buch überhaupt zu Herzen geht, als sähe man ein Melodram von Chaplin, „The Kid“ oder so etwas. Ein Dreivierteljahr brauchte Schacht zum Schreiben, ein Jahr, um das Material - Erinnerungen der Mutter und eigene, Briefe, Verhörprotokolle - zu ordnen. Und mehr als zehn Jahre musste er den Stoff liegenlassen, der es noch in ganz anderer Hinsicht in sich hat. Der Untertitel lautet nämlich „Auf der Suche nach meinem russischen Vater“.

          Tiraden gegen politische Korrektheit

          Mit Hilfe eines Journalisten machte Schacht den ehemaligen Offizier Wladimir Jegorowitsch Feodotow 1998/99 in Russland ausfindig. Die erst tastenden, dann verbindlicher werdenden Briefe sind eingearbeitet ins Buch, dessen Rahmenhandlung daraus besteht, wie Schacht am 4. April 1999 westlich von Moskau, an der Seite seines Stiefbruders, den er auch erst am Vortag kennengelernt hatte, und begleitet von einer Kamera, auf seinen Vater zuläuft. Schacht erzählt das so virtuos wie Thomas Mann in seinem Josephsroman die Wiederbegegnung von Vater und Sohn nach Jahrzehnten, nur nicht so barock-überladen. Und wie in einem Film schneidet er die Familiengeschichte dagegen, so dass die zweihundert Meter, die der Sohn zu absolvieren hat, sich endlos dehnen.

          Die Sonne ist hinter den Wittenberger Häusern verschwunden, wir sitzen jetzt im Schatten. „Lassen Sie uns mal ins Warme gehen“, schlägt Schacht vor, holt seinen schwarzen Mantel, und wir laufen durch die Innenstadt, vorbei an Häusern, in denen irgendein Johann Faust, Thomas Müntzer oder Lucas Cranach gewohnt hat. „Hier sind sie alle gewesen“, sagt Schacht mit entwerfender Gebärde, und man merkt ihm an, wie gut er sich hier aufgehoben fühlt. Er wohnt seit 1998 in Südschweden, wohin er, der bis dahin Redakteur bei der „Welt“ und „Welt am Sonntag“ gewesen war, fast geflohen ist, weil ihm das hiesige Debattenklima nicht mehr behagte. „Der Norden ist existentieller“, sagt er und gestikuliert mit der linken Hand, die in einem schwarzen Handschuh steckt - wahrhaft ein lutherischer Kraftkerl und Berserker. Seine Tiraden gegen politische Korrektheit und Rot-Grün sind bekannt. Schacht steht unter dem Verdacht, ziemlich rechts zu sein. Gegenüber der „Jungen Freiheit“ hat er das Erbe des 17. Juni gepriesen und dabei Ostdeutschland konsequent als „Mitteldeutschland“ bezeichnet - aus rein geographischen Gründen, wie er im Gespräch beteuert. Dass es ihm mit seinem Buch gelungen ist, aus historischen Bewegungen Einzelschicksale so gekonnt herauszulösen, dass sie bewegen, wird aber wahrscheinlich jeder Leser bestätigen.

          Eine „Innenbeziehung zu Gott“

          Jetzt bleibt Schacht vor einem Militaria-Geschäft stehen: „Was ist das hier?“, fragt er und zeigt auf eine Kalaschnikow. „Hohoho! Und dort, das alte Ding: eine M41, das entscheidende Ding damals, allerdings auf der anderen Seite.“ Er meint die sowjetische. „Und, hier, eine MP 40, für deutsche Fallschirmjäger.“ Schacht, der zugibt, Waffen zu mögen, ist sichtlich in seinem Element und bedauert es jetzt, dass in der Stadt kaum noch Leben herrscht. Wir laufen zur Schlosskirche, 1517, Luthers 95 Thesen, und sehen zum massigen Turm hinauf, an dem oben steht: „Ein' feste Burg ist unser Gott“. Das würde Schacht, der eine eigene Bruderschaft gegründet hat, in jeder Hinsicht unterschreiben.

          Anderthalb Stunden später stellt ihn Pfarrer Christian Lehnert den etwa achtzig Zuhörern in der Evangelischen Akademie - kaum einer ist unter sechzig - als „kompromisslosen, ja, starrsinnigen“ Autor vor, und jeder im Saal versteht das als Kompliment. Dann liest Schacht, fehlerlos, eine Dreiviertelstunde und stellt sich dann den Fragen, die er zum Gaudi des Publikums äußerst temperamentvoll beantwortet: Seine Mutter hätte das alles nicht durchgestanden ohne eine „Innenbeziehung zu Gott“ und er selbst, so darf man vermuten, auch nicht. Er habe sich immer dagegen gewehrt, die Vatersuche zu „psychopathologisieren“; aber in dem Moment, wo er nun darauf zu sprechen kommt, dass er den Vater 1973 beim Verhör das erste Mal gleichsam öffentlich erwähnt habe, muss er doch schlucken.

          Wie ein Kristall abgelagert

          Und dann berichtet er davon, wie er 1990 seinen alten DDR-Richter Passon aufgesucht und zur Rede gestellt hat, im Buch ist das gespenstische Gespräch nachzulesen. „Ich hab' ihn abgehört“, sagt Schacht schließlich launig. „Als Christ musste ich es ihm abnehmen, dass es ihm leid tat. Aber als Bürger konnte ich nur hoffen, dass so einer nie wieder politische Macht bekommt.“ Mit einer Schärfe, die durch persönliche Erfahrungen beglaubigt ist, rechnet er nun noch einmal mit der DDR ab, die in ihm einen „Mini-Biermann“ gesehen habe. Aber den wahren Sozialismus habe er dann im Westen kennengelernt: „Zähne, Arzt, Studium - alles umsonst.“ 1992 ist er aus der SPD ausgetreten und wettert seither gegen die Achtundsechziger. Ein Mann, dem so viel an seiner Herkunft gelegen ist, würde auch kaum in eine Partei passen, die Herkunft im Zweifelsfall als etwas zu Überwindendes betrachtet.

          Zum Schluss liest Schacht, der Lyriker, dem Heiner Müller einst eine „kristalline Melancholie“ bescheinigte, aus einem schönen Wintergedicht. Dann ist die Lektion dieses Lutheraners zu Ende. „Vereister Sommer“ - vielleicht ist diese unglaubliche Geschichte, die sich wie ein Kristall in ihm abgelagert hat, damit jetzt erledigt. Der nächste Sommer könnte wärmer werden.

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