https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/tsitsi-dangarembga-wegen-aktivismus-auf-der-strasse-schuldig-gesprochen-18351789.html

Urteil im Dangarembga-Prozess : Schuldspruch

Tsitsi Dangarembga und ihre Mitangeklagte Julie Barnes bei der Ankunft zur Urteilsverkündung in Harare. Bild: AP

Monatelang stand die letztjährige Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga in ihrem Heimatland Simbabwe vor Gericht. Jetzt ist das Urteil verkündet worden: schuldig.

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          The Book of Not“. Diesen Titel hat Tsitsi Dangarembga 2006 dem zweiten Teils ihrer Ro­man­trilogie um die in Simbabwe ge­borene Tambudzai Sigauke gegeben. Lebensdaten und -ereignisse von Ich-Erzählerin und Autorin stimmen weit­gehend überein, und der jetzt endlich in deutscher Übersetzung als „Verleugnen“ erschienene Band en­det in der postkolonialen Zeit ihres Heimatlandes, das unter britischer Herrschaft Rhodesien hieß, und mit folgender Pas­sage: „Ich hatte das Versprechen vergessen, das ich mir selbst und der Vorsehung gegeben hatte, als ich jung war, das Versprechen, nie das Gute, das Menschliche, das unhu meines Lebens zu vernachlässigen. So wie die Dinge standen, hatte ich seit den schwierigen Tagen im Konvent nur an mein eigenes Schicksal gedacht und überhaupt nicht an unhu. Und so ging ich an diesem Abend erschöpft in mein Zimmer, das ich bald würde räumen müssen, und fragte mich, was für eine Zukunft es für mich, eine neue Simbabwerin, gab.“

          Unhu be­deutet „Menschsein“, „Mitmenschlichkeit“, und die dreibändige, insgesamt mehr als tausendseitige Erzählung um Kindheit, Jugend und erste Berufsjahre von Tambudzai be­schreibt den Weg zurück zu den Werten, die dem Mädchen im heimat­lichen Dorf vermittelt worden waren, gegen alle Egoismen einer erst von europäischen und dann einheimischen Eliten korrumpierten Gesellschaft. Diese Trilogie ist auch so etwas wie die Biographie des Staates Simbabwe.

          Und der mag nicht, was es darin über ihn zu lesen gibt. Vor allem, weil er im Gegensatz zu Tsitsi Dangarembga selbst nicht wieder zu den Werten seiner Ursprungsgesellschaften zurückgefunden hat. Deshalb ist die 1959 geborene, im vergangenen Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Autorin und Filmemacherin da­heim in der Opposition. Sie sagt Nein zur sozialen Ungerechtigkeit in ihrem Land. Nicht als Politikerin, sondern als Straßenaktivistin, die auf einsamen Spaziergängen mit umgehängten Schildern die Bewohner der simbabweschen Hauptstadt Harare aufrütteln wollte.

          Dafür ist sie angeklagt wor­den, bizarrerweise vor einem An­tikorruptions­gericht in Harare, das staatlich ge­lenkt wird, und dafür sind sie und ihre Mitangeklagte Julie Barnes jetzt zu sechs Monaten auf Bewährung, ausgesetzt für fünf Jahre, verurteilt worden. Außerdem muss die Schriftstellerin eine Strafe von 70.000 simbabwischen Dollar (rund 200 Euro) zahlen, wie Dangarembgas Ehemann der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag mitteilte. Ausländische Beobachter – für Deutschland ist die Friedrich-Naumann-Stiftung vertreten – haben das Verfahren von Beginn an einhellig einen Schauprozess oder eine Farce genannt. Also das, was Tsitsi Dangarembgas Literatur nicht ist.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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