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Anton Tschechow auf Sachalin : Der Tiermensch bekam eine weiche Stimme

Sonjka „Goldhändchen“ wird in Ketten gelegt. Bild: Deutsches Literaturarchiv Marbach

Im Jahr 1890 bricht der schon berühmte Dichter Anton Tschechow zur pazifischen Sträflingsinsel Sachalin auf, um das Elend und die Not der Häftlinge zu teilen. Dabei gelangen Fotos in seinen Besitz, die nun in Marbach zu sehen sind.

          Man muss Marbach gratulieren: Der politischen europäisch-russischen Eiszeit zum Trotz eröffnete das dortige Literaturarchiv die kleine feine Schau von 51 historischen Fotografien, die während Anton Tschechows Reise auf die pazifische Sträflingsinsel Sachalin 1890 entstanden sind. Es ist das erste Mal, dass die Abzüge, die dem Moskauer Literaturmuseum gehören, überhaupt öffentlich gezeigt werden. Und das betrachte er als normal, erklärte der Direktor des Deutschen Literaturarchivs, Ulrich Raulff, der die Unterstützung durch die russischen Behörden lobte, mit stolzem Understatement.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der gerade dreißig Jahre alte Tschechow, der als Novellenautor schon berühmt war, aber auch für seinen vermeintlich gefühlskalten Stil getadelt wurde, hatte sich den Gang zu den Erniedrigten und Beleidigten am Ende der russischen Welt bewusst verordnet. Er wolle mühseliger leben und arbeiten, mit wenig Geld, gegen Hunger, Schlaf und Morast ankämpfen, schrieb Tschechow an seinen Verleger. Und erwiderte, als dieser versuchte, ihn von dem Vorhaben abzubringen: Sachalin nicht brauchen und uninteressant finden könne nur eine Gesellschaft, die Menschen nicht zu Tausenden dorthin verbanne und nicht Millionen dafür ausgebe. Leider sei er nicht sentimental, so Tschechow, sonst würde er sagen, dass man nach Sachalin pilgern müsse wie die Türken nach Mekka.

          Trauungen und Totenfeiern

          Das zwischen Japan und Kamtschatka gelegene Sachalin, dessen freiwillige Besiedlung misslang, wurde seit 1858 durch Sträflinge zwangskolonisiert. Tschechow fuhr mit der Bahn, Flussschiff und Pferdekutsche durch Kälte, Wind und Regen die 7500 Kilometer lange Strecke, die die Häftlinge zu Fuß zurücklegen mussten. Um das Leben der Verbannten kennenlernen zu können, nahm er eine Volkszählung in Angriff und füllte mit den Daten der Bewohner von Sachalin Tausende von Karteikarten, darunter auch zwanzig über politische Häftlinge, die zu treffen ihm der Gouverneur des Amur-Gebietes eigentlich verboten hatte.

          Im Gefängnis von Duë werden die Häftlinge an Schubkarren geschmiedet. Bilderstrecke

          Als Volkszähler wohnte Tschechow Trauungen und Totenfeiern bei, aber auch Auspeitschungen. Er redete lange mit den Sträflingen, die ihm sofort vertrauten. Einige glaubten, er sei ein Beamter, und beschwerten sich bei ihm. Ein besonders gefürchteter, bösartiger Häftling, der zu einer lebenslangen Strafe verurteilt war, bekam im Gespräch mit Tschechow eine so weiche Stimme, wie sie die Aufseher diesem „Tiermenschen“ nicht zugetraut hätten.

          Tschechow begegnete prominenten Verbrechern wie der legendären Räuberin und Betrügerin Sofja Bljuwstein (1846 bis 1902), genannt „Goldhändchen“, freilich als sie vom Leben schon gezeichnet war. Die einst höchst attraktive und verwandlungskünstlerisch begabte „Sonjka“, wie ihr Name volkstümlich lautet, kam in Odessa zu kriminellem Ruhm, trieb in diversen Gouvernementsstädten ihr Unwesen, kam in Haft, schaffte es aber immer zu fliehen, zuletzt 1886 aus dem Gefängnis in Smolensk, wobei ein in sie verliebter Aufseher sie sogar begleitete.

          Auch auf Sachalin entkam das „Goldhändchen“ dem Lager, woraufhin in der Gegend ein Krämer umgebracht und sein Laden ausgeraubt wurde. Kaum war sie wieder eingefangen, wurde sie daher in Ketten gelegt.

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