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Tony Blairs Memoiren : Ich bin ein ganz normaler Mann

  • -Aktualisiert am

Tony Blair während eines BBC-Interviews Bild: dpa

Sie sind der absolute Renner im britischen Bücherherbst: Die Memoiren Tony Blairs erregen England, machen das Land aber nicht klüger. Am Montag erscheinen sie in der deutschen Übersetzung.

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          Nicht zufällig heißt der Anwalt in William Hogarths satirischer Bilderserie „Marriage à la Mode“ Silvertongue (Silberzunge), gehört doch die Rhetorik zu den Voraussetzungen des versierten Juristen. Tony Blair ist von Haus aus Anwalt. Sein Erinnerungsband „A Journey“, der in den letzten Tagen in Britannien Wirbel machte und heute unter dem Titel „Mein Weg“ in deutscher Übersetzung erscheint, liest sich denn auch streckenweise wie das Plädoyer eines Strafverteidigers, der das Gericht von der Unschuld seines Mandanten überzeugen will, weniger durch Eloquenz als durch leidenschaftliche Argumentation und Selbstvertrauen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der ehemalige Premierminister vertritt sich in eigener Sache. Er umgarnt den als Schöffen dienenden Leser mit seinem Freimut und greift dabei auf die altbewährte Taktik zurück, Fehler einzugestehen, um seine grundlegende Integrität umso plausibler erscheinen zu lassen. Mitunter aber versetzt Blair den Leser auch in die Rolle des Psychoanalytikers.

          Der Autor legt sich auf die Couch und offenbart mehr als seine Seele. An einer Stelle verrät er sogar seine Toilettenvorlieben. Dann wechselt er wieder die Rolle und erteilt Lehren, als schreibe er eine Anleitung zum politischen Vorgehen, wie etwa in der Passage über das sogenannte Karfreitagsabkommen vom April 1998, wo er, aus der eigenen Erfahrung in Nordirland und dem Nahen Osten schöpfend, allgemeine Ratschläge für Friedensunterhändler verabreicht. Und das letzte Kapitel wirkt wie das Bewerbungsschreiben für ein hohes Amt. Tony Blair macht keinen Hehl daraus, dass er noch viel vorhat.

          Blair beim Marketing-Termin

          Streng zensiert und in Verruf gebracht

          Die Aufzeichnung von Erinnerungen gehört mehr oder weniger zur Berufslaufbahn eines Premierministers – wenn die schwarze Tür von Downing Street ein letztes Mal hinter ihm zugefallen ist. Den meisten aber fehlt nicht nur das literarische Talent, sondern auch der Mut zur Indiskretion, und so erstarren diese von Ghostwritern aus Akten und Tonbandaufnahmen zusammengeschusterten Selbstrechtfertigungen in der Regel im staatsmännischen Gehabe. Auch das Gros der Bücher von Ministern und Staatsdienern, die sich in wachsenden Zahlen schriftlich zu verwirklichen suchen, ohne tiefere Einblicke zu liefern, landet nach kurzer Zeit im modernen Antiquariat. Einige wenige, wie die dreibändigen Tagebücher des Labour-Ministers Richard Crossman, die den Autoren der Fernsehsatire „Yes, Minister“ als Quelle dienten, oder die unverfrorenen Aufzeichnungen des konservativen Abgeordneten Alan Clark, haben Bestand.

          In den letzten Jahren aber hat der Zwist im Herzen von New Labour Anlass zu einer Fülle von Insider-Büchern gegeben, die Kapital schlagen aus dem Bedürfnis der mit Nachrichten übersättigten Informationsgesellschaft nach immer neuen Einzelheiten, möglichst brisanter Natur. Im Lichte dieser Indiskretionen wirkt es geradezu lächerlich, dass der Diplomat Nicholas Henderson Jahre warten musste, bis seine Tagebücher genehmigt wurden, und dass Jeremy Greenstock, britischer Botschafter bei den Vereinten Nationen und Sonderbeauftragter im Irak unmittelbar nach dem Sturz von Saddam Hussein, seine für den Herbst 2005 angekündigten Beobachtungen über den Irak-Krieg bis heute nicht publizieren durfte.

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