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Zum Tod von Tomi Ungerer : Der Mann mit Herz, der Mann mit Schmerz

Ungerer im November 2011 mit einem seiner Bücher für Erwachsene Bild: AFP

Mehr als fünfzig Jahre lang hat er die schönsten Kinderbücher gezeichnet, die sich denken lassen. Seine Plakate gegen Vietnamkrieg und Rassenhass zählen zum Drastischsten und Besten der modernen Graphik. Zum Tod von Tomi Ungerer.

          Das letzte Mal traf ich ihn in Frankfurt, zwei oder drei Jahre wird es her sein. Tomi Ungerer saß im Foyer seines Hotels, und wir redeten über das, was die letzten Monate ihm gebracht hatten. Nach den schweren Krankheiten, die er in seinem achten Lebensjahrzehnt überlebt hatte, war jeder Monat ein gewonnener, und Ungerer nutzte seine Zeit in einem Maße, wie es einem Mann seines Alters nur möglich war: für die in Irland lebende Familie, aber auch für seine Heimatstadt Straßburg, wo es seit 2007 das Tomi-Ungerer-Museum gibt, für den benachbarten Schwarzwald, eine große Liebe seiner letzten Jahre, für Reisen nach Paris und endlich auch wieder nach New York, aus dem er in den siebziger Jahren vor der Bigotterie der Amerikaner geflohen war, für zahllose Ausstellungen, natürlich weiterhin für seine Kunst, die keinen Stillstand duldete – große Collagebilder waren seine letzte Entdeckung –, und für Gespräche. Deshalb war auch jede Begegnung mit ihm von einer seltenen Intensität.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wer sich die gewagten Sozialkommentare der sechziger bis achtziger Jahre ansieht, von dem bis heute maßstabsetzenden und gerade bei seinem Stammverlag Diogenes wiederaufgelegten Cartoonband „The Party“ zur Dekadenz in der amerikanischen Gesellschaft bis zu der illustrierten Herbertstraßen-Reportage „Schutzengel der Hölle“ über Prostitution in Hamburg, der konnte in diesem Zeichner, der die eigenen Abgründe ebenso furchtlos ausleuchtete wie die anderer, nur einen selbstbewussten Mann vermuten. Aber Ungerers Selbst-Bewusstsein war das Wissen um eine eigene tiefe Verletzbarkeit, die ihre Wurzel in den traumatischen Kindheitserlebnissen hatte.

          Der Vater war 1935 gestorben, als Tomi noch keine vier Jahre alt war, und in der Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde der Familie ihre französische Sprache verboten – sowie nach Kriegsende dann durch die Franzosen nicht nur die deutsche, sondern auch die eigentliche Sprache der Heimat, das Elsässische. Ungerer hat darüber später immer nur in größter Bitternis gesprochen; er nannte die jeweiligen Sprachverbote „Kulturverbrechen“, und sein lebenslanges Bemühen um die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland rührte aus dieser Erfahrung.

          Typische Ambivalenz: „Warum bin ich nicht du?“ – Abbildung aus dem gleichnamigen Band, in dem Tomi Ungerer „Antworten auf philosophische Fragen von Kindern“ gab.

          Aber Erfolg fand er erst in einem ganz anderen Land, den Vereinigten Staaten, wohin er 1956 als Vierundzwanzigjähriger auswanderte. Vor allem mit Werbeillustrationen und Kinderbüchern reüssiert er dort, während seine Bemühungen, im wichtigsten aller Foren für Cartoons, der Zeitschrift „The New Yorker“, publiziert zu werden, scheiterten. Mit „The Party“ von 1966 verscherzte er sich dann die Sympathien in seinem Gastland, und die erotische Phantasie-Suite „Fornicon“ sorgte 1969 dafür, dass er als Kinderbuchautor und -zeichner in Amerika unmöglich wurde. Für fünf Jahre siedelte er mit seiner Familie ins kanadische Nova Scotia um, ehe er 1976 in Irland seine neue Heimat fand – wie auch ein europäisches Publikum, vor allem seit dem „Großen Liederbuch“ von 1975, in dem Ungerer die romantische Illustrationstradition aufgenommen und in sein chamäleonisches Stilrepertoire überführt hatte.

          Trotz dieses unglaublichen Ausdrucksreichtums erkennt man ein Buch, eine Zeichnung von Tomi Ungerer sofort: am Geistreichtum. Mit den „Drei Räubern“, „Emil“, den Abenteuern der Schweinefamilie Mellops, „Papa Schnapp“, „Kein Kuss für Mutter“, „Flix“ oder noch 2012 „Der Nebelmann“ hat er mehr als fünfzig Jahre lang die schönsten Kinderbücher gezeichnet, die sich denken lassen. Sein politisches Engagement brachte Plakate gegen den Vietnamkrieg oder den Rassenhass hervor, die zum Drastischsten und Besten der modernen Graphik zählen. Und die 1983 veröffentlichten Memoiren „Heute hier, morgen fort“ sowie die Aphorismensammlungen der letzten Lebensjahre sind auf ihren Feldern große literarische Leistungen. Im Titel eines der Aphorismenbände, „Die Hölle ist das Paradies des Teufels“, steckt die ganze ambivalente, aber stets anderen zugewandte Lebensphilosophie von Tomi Ungerer, der in der Nacht auf diesen Samstag im Alter von 87 Jahren gestorben ist, im Haus seiner Tochter im irischen Cork.

          Tomi Ungerer, geboren am 28. November 1931 in Straßburg, gestorben am 9. Februar 2019 in Cork, im Oktober 2016 auf den Stufen vor seinem Elternhaus in Straßburg

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