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Tom Koenigs' Afghanistan-Buch : Wetter und Tee, Krieg und Frieden

  • -Aktualisiert am

Tom Koenigs in Kabul Bild: ASSOCIATED PRESS

Tom Koenigs war von Februar 2006 bis Weihnachten 2007 als UN-Sondergesandter in Afghanistan. Jetzt hat er über diese Zeit ein so unheroisches wie großartiges Buch geschrieben.

          Man sollte bei der Lektüre dieses herrlichen Buches einen Fehler nicht machen, aber wenn man ihn beschreibt, ist er beinahe unvermeidbar, denn wer schafft es schon, an etwas, das man ihm genannt hat, nicht zu denken? Jedenfalls sollte man in der Nähe dieses Buchs unter keinen Umständen an Guido Westerwelle denken. Diese Briefe von Tom Koenigs aus seiner Zeit als Missionsleiter der Vereinten Nationen in Afghanistan, kurz Unama, sind so fein gedacht und formuliert, von so viel Fleiß und Selbstironie durchdrungen, dass man ganz traurig wird, wenn man daran denkt, wie einfältig und schrill zugleich deutsche Diplomatie heute betrieben wird.

          Genug Guido, denken wir lieber an ein Erdferkel. Wenn Tom Koenigs von seiner öffentlichen Rolle schreibt, vergleicht er sich gern mit einem „possierlichen“ Erdferkel, welches zur Freude der Besucher ausgestellt wird. So ein merkwürdiges Viech gibt es ja im Nachttierhaus des Frankfurter Zoos, und das bestätigt einen rührenden Zug des Buches: Bei aller globalen Umtriebigkeit, den Pendelflügen zwischen Kabul und New York, ist es auch eine Frankfurter Heimatkunde, Joschka, Dany und die Karl-Marx-Buchhandlung bilden das Dreigestirn, das auch in der Ferne und der Dunkelheit Orientierung bietet.

          Die globale Diplomatie besteht aus Besuchsritualen

          Koenigs war von Februar 2006 bis Weihnachten 2007 in Afghanistan. Und so ein Sondergesandter des Generalsekretärs der Vereinten Nationen empfängt professionell teetrinkenden Besuch. Fast jeder ausländische Minister, Diplomat und Würdenträger, der nach Kabul kommt, sucht auch den Repräsentanten der Vereinten Nationen auf, allein schon, um zu Hause im Abrechnungsbericht darauf hinweisen zu können. Doch zu reden gibt es nicht so viel, die ausländischen Besucher wollen kommen und staunen und ihn sehen und möglichst etwas zu erzählen haben. Da heißt es Rüssel zeigen, sich bestaunen lassen, der Mann im besten Alter stellt sich aus und schwärmt von Afghanistan.

          Die globale Diplomatie besteht zum großen Teil aus Besuchsritualen. Koenigs hat als ehemaliger Sponti ein feines Gespür für die absurde Poesie solcher Szenen, gestattet sich aber auch eine aufrichtige Faszination, nie schreibt er hochmütig über seine Gesprächspartner. Völlig hingerissen ist er von seinem Besuch beim afghanischen König, einem alten Mann, der keine Rolle mehr spielt, aber ein Antrittsbesuch muss schon sein. Es ist nicht ganz klar, welche Sprache Majestät nun eigentlich spricht, Dari oder Französisch? Vorsichtshalber nimmt Koenigs zwei Mitarbeiter mit, für jede Sprache einen. Doch der König, der von einem uralten General gestützt wird, murmelt mehr, als das er redet, auch die Sprache wird nicht ganz deutlich. Also gibt es ein wechselseitiges Nicken und wohlwollendes Murren zum Thema Wetter, Krieg und Frieden, Atom und Afghanistan als solches. Die Politik, die Gegenwart ist woanders, direkt nebenan eigentlich, wo der afghanische Präsident Karzai residiert. Nach einer zähen halben Stunde kommt noch ein Hoffotograf herein. Der will, schreibt Koenigs, „ein Bild für die Ewigkeit schießen, auch wenn ich den Eindruck hatte, sie sei hier ohnehin schon angebrochen“.

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