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„Wikipedia-Autor“ Rubinowitz : Plagiarismus, getarnt als Recherche

  • -Aktualisiert am

Oh weh, schon wieder die Quellenangabe vergessen: Tex Rubinowitz. Bild: Picture-Alliance

Wikipedia als literarischer Kuckuck? Wie der Autor Tex Rubinowitz seine Texte „wissenschaftlich unterfüttert“, ist ein dickes Ei. Als originelles Fiktionalitätskonzept kommt seine Copypaste-Methode jedenfalls zu spät.

          Erst im Februar war Schriftsteller und Bachmannpreisträger Tex Rubinowitz dabei erwischt worden, wie er eine lustige Datensammlung plünderte und drumherum einen Artikel für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ strickte. Nun, die Datensammlung stammte aus dem von uns herausgegebenen Metafeuilleton „Der Umblätterer“, Schwamm drüber. Zum runden Plagiatsfall wurde das Ganze aber erst, als auch noch aufflog, dass Rubinowitz einen ganzen Absatz aus der Wikipedia geklaut hatte.

          Am schönsten dabei war seine Rechtfertigung: Er habe seinen Artikel „wissenschaftlich unterfüttern“ wollen, deshalb der Textdiebstahl aus Wikipedia. Und dann habe er leider vergessen, die Passage umzuschreiben. Er fand das dann zunächst selbst so „peinlich und armselig“, dass er sich bereit erklärte, die Hälfte seines Honorars der Wikimedia Foundation zu spenden, und erkannte außerdem, „doch lieber beim fiktionalen Schreiben bleiben“ zu sollen. Sicher eine gute Idee, und wie das so funktioniert, kann man in Tex Rubinowitz’ aktuellem Buch nachlesen: „Irma“, ein Nachklapp zu seinem Bachmannpreistext, erschienen im Frühjahr bei Rowohlt.

          Eine Freude für jeden GuttenPlag-Aktivist

          Nun steht zu vermuten, dass das Herauskopieren aus dem berühmt-berüchtigten Online-Lexikon damals kein Einzelfall war, sondern eher Teil einer Arbeitsweise ist, was ja für einen literarischen Text vielleicht erst mal kein Problem darstellt. Jedenfalls könnte man „Irma“ streckenweise auch „Irmapedia“ nennen, denn was darin zum Haussperling, zu „Deep Space Nine“, zu Mary Hopkin, zu Bruce Dickinson, zu den Najaden und noch zu ein paar anderen Sachen steht, ist wieder satzweise und ohne Quellenangabe aus der Wikipedia rausgeklaubt.

          Rubinowitz liest in Klagenfurt aus „Irma“.

          Besonders schön die Stelle mit dem Haussperling, die auch schon im Bachmannpreistext enthalten war. In der Wikipedia steht zu lesen: „In Europa ist der Haussperling fast ausschließlich Standvogel, in geringem Ausmaß auch Kurzstreckenzieher. Nicht dauernd von Menschen bewohnte Siedlungen im Alpenraum werden im Spätherbst oder Winter auch vom Haussperling geräumt.“ In „Irma“ liest sich die Stelle so (auf Seite 25): „Spatzen sind in Europa sogenannte Standvögel, nur die wenigsten sind Kurzstreckenzieher, lediglich nicht dauernd von Menschen bewohnte Siedlungen im Alpenraum werden im Spätherbst oder Winter vom Haussperling geräumt.“ An der Gegenüberstellung dieser beiden Zitate hätte jeder GuttenPlag-Aktivist seine Freude.

          Kopieren und Verschleiern

          Nun lässt Rubinowitz diese Passage, in der es auch noch um Charlie Chaplin geht, buchintern durch seine Irma-Titelfigur kritisieren: „das mit Chaplin und den Spatzen“ - eine quasi „wissenschaftliche Unterfütterung“ à la Rubinowitz - sei wie ein Kuckucksei, „man könne sich damit die ganze Geschichte ruinieren“. Und es haut nicht ganz hin, aber wenn man wollte, könnte man das quasi als Entschuldigung lesen. Allerdings ist die Wikipedia wohl eher kein Kuckuck, der seine Eier höhnisch grinsend in die Texte von Tex Rubinowitz legt. Und außerdem sind da noch all die anderen Stellen.

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