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„Wikipedia-Autor“ Rubinowitz : Plagiarismus, getarnt als Recherche

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Über Odo, eine Figur aus der Serie „Star Trek: Deep Space Nine“, heißt es in der deutschen Wikipedia, er müsse „alle achtzehn (oder sechzehn, die Episoden widersprechen sich hierin) Stunden für eine gewisse Zeit in seine flüssige Form zurückkehren. Zu diesem Zweck hat er in seinem Quartier einen Eimer, in den er sich verflüssigt.“ Die beiden Sätze hat Rubinowitz eins zu eins zu sich rüberkopiert (im gedruckten Buch auf Seite 39), ließ allerdings die einschränkende Klammer dabei weg. Diese defizitäre Veränderung plagiierter Stellen entspricht in den GuttenPlag-Kategorien der „Verschleierung“ und ist noch häufiger bei Tex Rubinowitz anzutreffen, man vergleiche etwa die Stelle zu den Najaden auf Seite 19 mit dem entsprechenden Wikipedia-Artikel.

Beliebig reproduzierbares Allgemeinwissen?

Nun ist der erklärte Nichtroman „Irma“ natürlich keine Doktorarbeit, sondern ein irgendwie literarischer Text. Und tarnte sich hier nicht so offensichtlich Plagiarismus als Recherche, könnte man vielleicht sogar von einer Literarisierung reden, und man könnte darüber diskutieren, welchen Einfluss die größte Enzyklopädie seit Menschengedenken knapp eineinhalb Jahrzehnte nach ihrem Start auch auf die literarische Produktion hat. Es wäre interessant zu verhandeln, ob sich unter den Bedingungen der digitalen Gegenwart vielleicht irgendwelche Formen des „höheren Abschreibens“ im Sinne Thomas Manns entwickelt haben.

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Wenn es jedoch in „Irma“ auf Seite 137 heißt, „Those Were the Days“ von Mary Hopkin sei „eigentlich ein russisches Lied mit dem Titel ,Dorogoi dlinnoyu‘ (Дорогой длинною, Entlang der langen Straße); es wurde im Oktober 1917, in der Version von Alexander Wertinski, in Russland sehr populär, also noch vor der Oktoberrevolution“ - dann ist das einfach wieder nur Copypaste aus der Wikipedia. Dabei bleibt zum Beispiel offen, wie es bei Rubinowitz tatsächlich um die Kenntnis des kyrillischen Alphabets bestellt ist, denn er hat diese Passage ja nicht selbst geschrieben.

Kein deutscher Autor kopiert so umstandslos

Und, na klar, Wikipedia-Sätze wie dieser: „Dickinson hat mehrere Bücher verfasst, von denen The Adventures of Lord Iffy Boatrace das bekannteste ist,“ könnten ja noch als beliebig reproduzierbares Allgemeinwissen durchgehen. Es gibt ja auch kein Urheberrecht auf Sätze wie: „Goethe wurde in Frankfurt geboren.“ Der Goethe-Satz allerdings lässt sich sofort dutzendfach im Netz nachweisen, der Satz über Bruce Dickinson, den Sänger von Iron Maiden, genau ein Mal: bei Wikipedia. Die wörtliche Übernahme (auf Seite 41) gestattet daher wieder einen Einblick in die Copy-and-paste-Maschine Tex Rubinowitz.

Die bisher genannten und alle weiteren aus der Wikipedia rüberkopierten Stellen münden übrigens in eine schöne Pointe. Nicht nur erstattet Rubinowitz quasi ständig Selbstanzeige, wenn er herausposaunt: „ich kann gar nicht schreiben“ (zum Beispiel auf Seite 38). Am Ende des Buches insinuiert der Erzähler im Gespräch mit seinem Lektor zudem, er habe das vorliegende Buch gar nicht so sehr selbst verfasst. Das kommt als Fiktionalitätskonzept natürlich mindestens ein halbes Jahrhundert zu spät, aber sei’s drum. Man kann nämlich anhand der Stellen, die Rubinowitz nicht selbst geschrieben hat, zeigen, dass er Autor des Buchs ist. Denn kein deutscher Autor kopiert so umstandslos aus der Wikipedia wie er.

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