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Georg-Büchner-Preis : Durch die Hütte rollt die ganze Welt

  • -Aktualisiert am

„Bis ich hierher gekommen bin, bin ich doch traurig geworden.“ Terézia Mora Bild: dpa

Es hätte schlimmer kommen können: Die schwere Sprache wurde meine, mit dem „Woyzeck“ bin ich im Deutschen heimisch geworden. Terézia Moras Dankesrede zum Georg-Büchner-Preis.

          11 Min.

          Lieber Freund, ich schreibe dir, weil ich wieder einmal sprechen muss. Es ist der Büchner-Preis, und ich freue mich, aber Preis bedeutet Podium, und Podium bedeutet, man muss körperlich anwesend sein (meistens jedenfalls) und man muss etwas sagen, sich also, wie der Ungar sagt, so und so „ein Gesicht machen“, was viel Gelegenheit für Scham und Fremdscham bietet. Zum Glück hilft die Sprache auch diesmal gleich weiter. In „sich ein Gesicht machen“ ist „machen“ drin, also weißt du, was zu tun ist. Wie immer, beim Schreiben und auch sonst: man muss es machen, so gut es eben geht. Die Form finden, die es einem nicht leichter, sondern überhaupt möglich macht. In diesem Fall: als wäre es keine Rede, sondern ein Brief. Wer will, kann das auf Büchner und Wilhelmine Jaeglé und so weiter beziehen. Im Übrigen sind diese Briefe ganz lesenswert, weil sie nicht für die Nachwelt, sondern an geschätzte Personen geschrieben worden sind. Natürlich sind auch diese gefiltert, wie denn auch nicht, aber die Gründe dafür sind mehrheitlich persönlich und das ist – das liegt in der Natur der Sache – mit einer verträglicheren Variante von Scham und Fremdscham verbunden.

          Ich für meinen Teil habe bisher nicht mehr als vier Personen Briefe geschrieben. Erst einem jungen Mann, weil er zu den Soldaten musste, und er wollte dort Briefe von einer Frau erhalten. Ich verstand das, ich schrieb jede Woche, aber er war nicht zufrieden. Meine „tragisch kurzen“ anderthalb Seiten waren ihm zu wenig. Tut mir leid, schrieb ich, aber mehr ist da nicht. Das war gegen Ende der Diktatur und meiner Kindheit, als ich anfing, die Welt, in der ich lebte, endgültig als zu eng zu empfinden, was – wenig überraschend – mit dem Verlust meiner ersten Sprache einherging.

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