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T. C. Boyle auf Twitter : Feuersaison

  • -Aktualisiert am

Ein Freund der Natur: T.C. Boyle im Dokumentarfilm „Rockstar der amerikanischen Literatur“, der vergangenes Jahr auf Arte zu sehen war. Bild: Nordend Film

Die Plage der westlichen Zivilisation beschreibt T.C. Boyle schon lange. Sein Twitter-Tagebuch kalifornischer Realität wirkt angesichts der verheerenden Brände wie der Versuch, eine verschwindende Welt zu dokumentieren.

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          Tag für Tag erreichen uns nun Fotos feuergefärbter Himmel von der amerikanischen Westküste, und auch Nachrichtenagenturen fällt zu deren Beschreibung nichts anderes mehr ein als Vergleiche mit Fiktion: „wie in einem Katastrophenfilm“.

          Dem Schriftsteller T.C. Boyle, der sehr aktiv auf Twitter ist, schickte eine Leserin ein Foto vom Landeanflug auf San Francisco, das eine schwarze Wolkendecke über einem lodernden Glutmeer zeigt. Boyle, der oft kurz und sarkastisch antwortet, schrieb dazu nur: „Jesus!“

          Der nahe Santa Barbara Lebende dokumentiert seit Jahren täglich auch selbst fotografisch seine Umgebung. Allmorgendlich etwa fotografiert er dieselbe Straßenkurve; die Zeitangabe dazu hat er inzwischen in „Western Plague Time“ geändert. Die Plage der westlichen Zivilisation hat Boyle schon in vielen literarischen Texten behandelt, am deutlichsten vielleicht in seinem Roman „Ein Freund der Erde“.

          Die Glut im Baumstamm

          In dem vor zwanzig Jahren geschriebenen, aber 2025 spielenden Buch muss ein Umwelt-Aktivist erkennen, dass sein Kampf verloren ist: Das Land versehrt, die Tiere ausgestorben, die Menschen ringen ums Überleben. Es riecht nach „Endzeitschimmel“. Nun scheint sich manche düstere Vision daraus sogar schon früher zu bewahrheiten: Nach fünf überaus trockenen Sommern sind die jetzigen Brände von Kalifornien bis hoch nach Washington State verheerender denn je. Im amerikanischen Westen erreicht ihre Zerstörungskraft ständig neue traurige Rekorde, aber auch auf anderen Kontinenten lodern sie.

          Während Boyle das Sendungsbewusstsein seiner Romanfiguren gern verspottet, ist das des Autors noch ungebrochen: Er wird nicht müde, darauf hinzuweisen, wie Donald Trump und andere den Klimawandel leugnen, und er nutzt dabei selbst die Rhetorik des Aktivismus: Nicht nur das, was man früher Herbst nannte, sondern unsere ganze Gegenwart sei nun „fire season“. Die ohnehin schon sehr freundlich-anteilnehmende Bindung zu seinen Lesern auf Twitter wirkt in diesen Tagen noch dramatischer, da manche von ihnen unmittelbar vom Feuer bedroht sind. Trotzdem macht Boyle aber auch mit den dokumentarischen Fotos weiter, die Flora und Fauna zeigen, einen Pilz, einen „fog tree“ oder „the egg“.

          Mehr denn je wird einem beim Betrachten nun bewusst, dass er das tut, weil es sich dabei um im Verschwinden begriffene Dinge handelt. Interessant ist, dass Boyle manche Fotos auch identisch wiederzuveröffentlichen scheint, nur mit neuer Zeitangabe – als weiteren Hinweis darauf, dass ihre Gegenstände bald nur noch als mediale Erinnerung existieren werden? In „Ein Freund der Erde“ gab es teils noch Hoffnungsschimmer. Da ist zum Beispiel die Rede von neuem Wald, neue Bäume sprießen „aus dem Friedhof der alten“. Wer allerdings die Aufnahmen von bis zu zweitausend Jahre alten Bäumen in Kalifornien und Oregon gesehen hat, in deren Stämmen nun auch die Glut lodert, wird Langmut benötigen, um noch hoffnungsvoll zu sein.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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