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„Ich mache ein Foto, beschrifte es – fertig ist der Witz“

Von TOBIAS RÜTHER, Fotos von T.C. BOYLE

23.05.2017 · Der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle twittert jeden Tag das gleiche Motiv: eine Straße am frühen Morgen, mal um 6.05 Uhr, dann um 6.25 Uhr oder um 5.58 Uhr. Wir haben den Schriftsteller gefragt, was er da eigentlich macht.

Boyles Straße vor seinem Haus in Montecito gehört zu den täglichen Motiven.

Mal fährt ein Auto, mal ein einsamer Radfahrer, meist ist die Straße menschenleer. Man könnte denken, Boyle führe nur seinen Hund aus und ihm sei langweilig – aber er fotografiert auch diesen Hund immer wieder. Und eine Katze. Und ein Ei. Einen Strand. Eine tote Ratte. Seinen Computer. Und die erste Seite der „Los Angeles Times“.

Ist das ein Kunstprojekt?

Absolut, ein fortlaufendes Kunstprojekt mit dem Titel „Am Leben sein“. Oder anders, es ist ein Social-Media-Projekt gegen die sozialen Medien. Oder noch einfacher: eine Marotte von mir. Ich bilde hier ab, dass das Leben eines Künstlers genauso gewöhnlich – und geheimnisvoll – ist wie das von jedem anderen Menschen. Ich arbeite heraus, aus welcher Routine unser Leben gemacht ist, von Augenblick zu Augenblick. Deswegen zeige ich Ihnen die Straße vor dem Haus an jedem neuen Morgen, den Hund, der mich geweckt hat, die Zeitung, die festhält, welche Ereignisse uns durch unseren Alltag schleudern, dann die Ratte, falls der Tag eine gebracht hat – in den letzten zwei Jahren habe ich 147 davon gefangen und wieder in der freien Wildbahn ausgesetzt. Verfall ist definitiv ein Thema des Projekts, Fäulnis, die an uns frisst und an jedem anderen Augenblick unseres von Sinnesreizen bombardierten Lebens.

Die Straße ist also tatsächlich die vor Ihrem Haus in Montecito?

Ja, ist sie. Aber wenn ich in meiner Berghütte bin oder auf Lesereise, wie Anfang des Jahres in Deutschland und der Schweiz oder im Herbst durch die Vereinigten Staaten oder nach Paris im Frühling davor, dann bilde ich die gleichen Dinge ab – nur in einer anderen Umgebung. Warum? Wie gesagt, weil ich am Leben bin. Und das Leben von unendlicher und minutiöser Schönheit ist.

Diese Morgenstimmung vor Ihrem Haus, das Ganze sieht so typisch amerikanisch aus: Manchmal richtig unheimlich, als wäre man in einem Film von David Lynch, am nächsten Tag will man dann aber ins Cabrio springen und auf der Straße davonrasen.

Es ist eine Bühne, die auf das wartet, was auch immer Ihr fruchtbarer Geist dort aufführen möchte, egal, ob es wie von David Lynch oder von Frank Capra ist. Die Straße ist genauso einladend wie bedrohlich. Bei mir erzeugt eine vertraute Atmosphäre allerdings ein Gefühl von Behaglichkeit – und Behaglichkeit erzeugt dann Kunst und Produktivität.

Faible für sein Frühstücksei, das er niemals essen wird

Und was soll das mit dem Ei?

Es ist das Ei, das ich niemals essen werde. Und zugleich ein Ding der Schönheit und der unbegrenzten Möglichkeiten an und für sich.

Und die toten Ratten? Die sind ja wohl eher kein Ding der Schönheit.

Die mumifizierte Ratte und all ihre Artgenossen sind von den Regenfällen dieses Winters aufgeweicht worden. Was sie wieder essbar gemacht hat. Sie sollten da vielleicht besser Mister Opossum oder Mister Waschbär fragen. Die Natur zerfällt und baut sich ohne unseren Willen oder unser Zutun wieder auf, und das passiert sogar hier in einem kalifornischen Vorort.

Zerfall und Fäulnis, sagen Sie. Man könnte das morbid finden, ich muss da aber an Depeyster Van Wart aus Ihrem Roman „World’s End“ denken, der Erde isst, weil es ihn tröstet. Wenn es bei Ihrem Fotoprojekt darum geht, dass wir Trost aus der Routine unseres Lebens ziehen, dann wären Werden und Vergehen ja auch eine Lebensroutine, an der wir teilhaben und in der wir aufgehoben sind.

Wie könnte man denn nicht morbide Gedanken kriegen, da unser Leben doch vom Tod bestimmt ist? Was Sie da sagen über „World’s End“ und meinen Twitter-Feed: Alles ist Teil des Zyklus, auf den wir uns eingelassen haben, allein, weil unsere Mütter uns auf die Welt gebracht haben. Ist das ein Trost? Also zu wissen, dass wir nur die nächste Generation einer Spezies sind? Und gar nicht so sehr Individuen, die bedeutsame Spuren hinterlassen? Oder ist es nicht vielmehr ein Triumph, dass wir uns große Gedanken darüber machen können, was unsere Existenz in diesem riesigen, dunklen, rätselhaften und furchteinflößenden Universum bedeutet.

Was Boyle seinen Lesern auf Twitter präsentiert, ist einfach: das Leben, wie es ist, Tag für Tag, was auch immer das ist.

Haben Sie einmal nachgedacht, es ganz professionell mit der Fotografie zu versuchen?

Nein. Die Fotos mache ich nur mit meinem Smartphone, wobei mich das oft frustriert, vor allem draußen in der Natur – weil das Teil kein Teleobjektiv hat. Wenn ich im Kajak unterwegs bin, würde ich manchmal Seehunde gern in Nahaufnahme fotografieren, aber wenn ich ihnen zu nahe komme, würde ich sie ins Wasser scheuchen, und das darf man nicht tun. Andererseits: Wenn meine Fotos genau geplant wären oder inszenierter aussähen, würde es die Spontaneität und den Charme unterminieren, den das Ganze hoffentlich hat, was ich hier mache. Übrigens, bis ich auf das Geheiß meines Verlegers mit dem Twittern angefangen habe, vor zwei Jahren, hatte ich nie Fotos gemacht. Ich habe das Gefühl, dass mir das Twitterformat hilft, meine visuellen Fähigkeiten zu schärfen – und damit auch meinen Sinn für das Schöne und den Verfall um uns herum. Ich mache ein Foto, beschrifte es – fertig ist der Witz.

Beim Schreiben haben Sie bislang von Roman zu Roman Ihr Sujet gewechselt – aber hier, bei den Fotos, wiederholen Sie sich auf einmal. Wie passt das zu Ihnen?

Ich habe ja schon gesagt, dass ich gern Marotten habe – eine Erbschaft meines Vaters, der immer den gleichen Witz erzählt hat, wieder und wieder, manchmal jahrelang den gleichen, bis mir klar wurde, worin der Sinn der Wiederholung besteht: Soll das ein Witz sein? Warum macht er das? Ist das Leben genauso absurd, wie es aussieht? Man kann immer tiefer in Routinen hineingezogen werden, bis sie einen entweder ersticken oder befreien.

Andererseits haben Sie Ihre Umgebung ja schon einmal in Kunst verwandelt, Sie wohnen seit langem in einem Haus des Architekten Frank Lloyd Wright und haben irgendwann einen Roman über ihn geschrieben.

Genau. Auf manchen der Fotos kann man auch sehen, wie das Haus aussieht. Aber mich interessiert viel mehr, was die Tiere im Garten machen oder wie das Licht durch die vielen Fenster fällt, als jetzt einzufangen, was das Genie seines Prärie-Designs ausmacht. Für Wright war Natur, was man auf einem Bild an der Wand sehen kann – mich überwältigt jeden Morgen und Abend, wie das tiefstehende Licht das Draußen nach drinnen bringt. Im Übrigen hat Wright Chaos in seinem Leben gebraucht, um arbeiten zu können: Scheidung, Skandale, Schuldeneintreiber vor der Tür. Ich brauche die Ruhe. Und Routine. Daher auch diese Marotte.

T.C. Boyle



Kaum einer Ihrer Kollegen twittert. Gary Shteyngart ist sehr präsent, Jay McInerney hat eine Zeitlang jeden teuren Bordeaux fotografiert, den er trinkt – Jonathan Franzen dagegen hält soziale Medien ja eher für den Untergang des Abendlandes. Sie haben eben gesagt, dass es Ihr Verleger war, der Sie darauf gebracht hat – aber was reizt Sie selbst an Twitter?

Ganz einfach: Es macht Spaß. Mehr sollte man daraus auch gar nicht machen. Ich antworte meinen Lesern, vor allem mit Geplänkel und absurdem Humor, aber auch ziemlich ernst, wenn es nötig ist. Was ich ihnen auf Twitter gebe, ist ein Leben, das jetzt gelebt wird, Tag für Tag, was auch immer das ist. Andererseits: Was bedeutet das Leben von jedem Einzelnen von uns schon? Wer entscheidet darüber? Wo sind wir in diesem furchteinflößenden Universum? Und warum? Warum? Warum?

Von T.C. Boyle erschien zuletzt der Roman „Die Terranauten“ (Hanser, 608 Seiten, 26 Euro). Man findet ihn auf Twitter unter @tcboyle.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 23.05.2017 10:41 Uhr