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Zum Tod von Silvia Bovenschen : Mäßigkeit war ihre Sache nicht

Ihr literaturwissenschaftlicher und literarischer Blick war unbestechlich: Silvia Bovenschen (1946 bis 2017). Bild: Imago

Sie war Wissenschaftlerin, Essayistin und Schriftstellerin, ihre Dissertation über die imaginierte Weiblichkeit machte sie zur Vorreiterin des Feminismus: zum Tod von Silvia Bovenschen.

          Es waren diese Zeiten, als fächerübergreifende Promotionen an den deutschen Universitäten erst möglich wurden. Der Titel ihrer Frankfurter Dissertation im Jahr 1977 lautete „Die imaginierte Weiblichkeit“. Zwei Jahre später wurde das Buch zum wissenschaftlichen Bestseller. Der straighte kühle Feminismus, den sie in ihre Darstellung legte, machte regelrecht Schule, der pinkfarbene Band in der Edition Suhrkamp gehörte zur Standardausrüstung der Generation direkt nach den Achtundsechzigern.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Am 5. März 1946 ist sie in Point bei Waakirchen in Oberbayern geboren, in einen Ingenieurshaushalt hinein. Studiert hat sie in Frankfurt, Literaturwissenschaft, Soziologie und Philosophie. Sie als Literaturwissenschaftlerin, Essayistin und Schriftstellerin zu bezeichnen – was sie übrigens auch in der Abfolge der Chronologie war – deutet ihre wahre Vielseitigkeit doch nur an, denn sie beherrschte das Cross-over, ihre Gedanken passten nicht in Schablonen. Scheuklappen legte sie sich selbst und bloß dann an, wenn sie auf Dummheit, Dumpfheit und Dickfelligkeit stieß.

          „Über-Empfindlichkeit – Spielformen der Idiosynkrasie“ heißt der umwerfende Essayband von ihr aus dem Jahr 2000. Mit Selbstironie, dem Ernst der seit Jahrzehnten praktizierenden Hypersensiblen und ihrer feinen Melancholie spürt sie darin diversen Angewohnheiten und auch Lastern nach. „Zigaretten holen – Ein Exkurs über Idiosynkrasie und Flucht“ heißt einer der Texte. Zum Rauchen hat sie sich stets bekannt. Vor inzwischen doch vielen Jahren konnte man ihr im Café in Frankfurt begegnen, wo sie saß und las, mit ihrer Zigarette, als das noch ging.

          Sie beeinflusste eine ganze Generation in Denken und Stil

          Später begann sie, Romane zu schreiben. Ihr Interesse dabei galt eher schwierigen Charakteren. Jede Form von Mittelmaß, das Mäßige eben, war nicht ihre Liga, das war schon früher klar. Also inszenierte sie abgründige Versteckspiele – in denen es am Ende immer um eine verborgene Wahrheit ging.

          Sie war streitbar. Sonst wäre sie als junge Studentin in Frankfurt bestimmt nicht im „Weiberrat“ gewesen, damals schon wenig erbaut von machohaftem Männerrevoluzzertum. Sie konnte bestimmte Dinge durchaus lächerlich finden – und machte dann, auch schreibend, kein Hehl daraus. Dabei war sie nicht unversöhnlich, auch Misanthropie hätte sie vermutlich gelangweilt.

          Silvia Bovenschen war eine ausgesprochen schöne Frau, auch das. Schon als sie jung war, erfuhr sie, dass sie an multipler Sklerose litt. Das hat ihren Lebensweg mitbestimmt, denn sie konnte zwar an der Universität lehren, was sie auch zwei Jahrzehnte lang tat. Aber eine klassische akademische Karriere war ihr aufgrund der Krankheit verschlossen. Dabei hätte ihr das zugestanden wie wenigen anderen. Sie blieb eine Erscheinung von enormer Ausstrahlung, auch als sie zunehmend weniger Bewegungsfreiheit hatte.

          Am Mittwoch ist Silvia Bovenschen, die eine ganze Generation damals junger Studentinnen in ihrem Denken und ihrem Stil beeinflusste, im Alter von 71 Jahren in Berlin gestorben.

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