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Stuart Hall und der Rassismus : Keine Identität ist garantiert

  • -Aktualisiert am

Stuart Halls Autobiographie beschreibt den Einfluss seiner Jugend auf seine Theorien. Bild: Getty

Stuart Hall, der Mitbegründer der „Cultural Studies“, ließ seine Lebensgeschichte in seine Theorien einfließen. Seine Autobiographie ist jetzt ein Wegweiser in den aktuellen Debatten über Rassismus.

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          Als Stuart Hall 1992 seinen Essay „The West and the Rest“ veröffentlichte, hatte die Globalisierung die Welt noch nicht eng werden lassen. Südafrika war noch weit weg und hatte zudem gerade das Apartheidsregime überwunden, war also auf dem Weg in den Westen. New York war noch nicht zum Terrorkriegsschauplatz geworden, und afroamerikanische Basketballspielerinnen verließen noch nicht die Halle, wenn die amerikanische Nationalhymne gespielt wurde, wie sie es gerade bei der Eröffnung der neuen Saison der amerikanischen Profiliga getan haben. Sich bei der Hymne einfach nur hinzuknien würde nicht mehr ausreichen, um klarzumachen, dass der gängige Rassismus der amerikanischen Gesellschaft nicht mit ihrer Zustimmung rechnen könne, lautete der allgemeine Tenor der Basketballerinnen.

          Mit Halls Worten hatte man es hier mit einer performativen Äußerung von Vertreterinnen des Rests der Welt in einem Zentrum des Westens, den Vereinigten Staaten von Amerika, zu tun. Hall wollte in seinem Aufsatz über den Westen und den Rest, dessen Titel schnell zum Slogan in den postkolonialen Diskursen wurde, aber nicht in den Kategorien von Herrschaft und Unterdrückung bleiben. Hall wollte auch dem Westen zeigen, dass er sich keinen Gefallen tut, wenn er seine eigene Heterogenität unter einem simplifizierenden Stereotyp vergräbt – auch wenn dieses Stereotyp aus Elementen besteht, die für sein Selbstverständnis und seine Hegemonie so wichtig sind wie der hohe Industrialisierungsgrad, die Marktwirtschaft, die säkularen Rechts- und Verwaltungssysteme und die städtische Kultur.

          Hall lässt den „Westen“ mit Kolumbus beginnen, und er versteht darunter die von Europa ausgehende erfolgreiche Vereinnahmung und Angleichung der Welt, die zugleich eine Vereinfachung ist: Die verschiedenen Kulturen des Rests würden dadurch vereint, dass „sie alle vom Westen verschieden sind“, so wie die Verschiedenheiten innerhalb des Westens dadurch normiert würden, dass „sie sich alle vom Rest unterscheiden“. Und das sei es, was den Diskurs des „Westens und des Rests“ so zerstörerisch mache – er treffe grobe und vereinfachte Unterscheidungen und konstruiere eine absolut vereinfachte Konzeption von „Differenz“. Die auf Polarisierung und Spaltung abzielenden Vereinfachungen verschleierten nicht nur, wie tief unsere Historien und Kulturen stets miteinander verflochten waren und sich gegenseitig durchdrungen haben, sie leugneten auch, wie absolut nötig der Andere für unser eigenes Identitätsbewusstsein ist.

          Erst in England zum Jamaikaner geworden

          Was hier so abstrakt klingt, entstammt dem erfahrungsgesättigten Denken eines Kolonisierten, der von Jamaika aus nach Oxford zog, um in der Auseinandersetzung mit der klassischen englischen Literatur festzustellen, dass darin vieles Platz hatte, nur eine Erfahrung wie seine eigene nicht. Wobei der 1932 in Kingston geborene und 2014 in London gestorbene Stuart Hall erst in England zum Jamaikaner wurde.

          Nachlesen kann man die psycho-physische wie intellektuelle Entwicklung Halls in seiner dieses Jahr im Argument Verlag auf Deutsch erschienenen Autobiographie. Das Buch ist eine äußerst angenehm zu lesende Zusammenfassung von Halls Leben und Denken sowie seiner lebenslangen politischen Aktivitäten. Denn Hall, der als der wirkmächtigste Mitbegründer der „Cultural Studies“ gelten kann, war nicht nur ein unermüdlicher akademischer und außerakademischer Hochschullehrer, sondern auch ein politischer Aktivist, der von der britischen Anti-Atom-Bewegung der 1950er Jahre bis zu den kleinsten karibischen Stadtteilfesten kein Engagement scheute.

          Stuart Hall spricht 1958 auf einer Demonstration gegen nukleare Aufrüstung in London.
          Stuart Hall spricht 1958 auf einer Demonstration gegen nukleare Aufrüstung in London. : Bild: Stuart Hall Familienarchiv

          Es ist famos, wie dieser Band es schafft, die immense, um nicht zu sagen: legendäre Freundlichkeit Halls in jedem Satz zu transportieren. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass das Buch aus sich über Jahre hinziehenden Gesprächen mit Halls Freund Bill Schwarz entstanden ist. Schwarz hat die Manuskripte der Gespräche dann in einen fließenden Text gebracht, der im ersten Teil Halls Jugend auf Jamaika zum Thema und im zweiten Teil Halls britisches Leben in seinen theoretischen wie praktischen Aspekten erörtert.

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