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Stuart Hall und der Rassismus : Keine Identität ist garantiert

  • -Aktualisiert am

Regelmäßig wird er von Erstickungsanfällen heimgesucht. Diese Attacken lassen die Betroffenen nach Luft ringen und dabei in Panik verfallen. Ohne dass man eine physische Ursache dafür angeben könnte, bleiben sie doch real und können auch kurze Ohnmachten zur Folge haben. Hall hat sie später mit dem ewigen Kreisen der Familiengespräche um Hautfarbe, Races und Genealogien in Verbindung gebracht. Und obwohl er die Schule und die koloniale Erziehung als Weg aus der Enge der Familie empfindet, wird er seine Erstickungsangst nicht los.

Die Anfälle und seine stetige Angst vor der Erstickung lassen ihn in Jamaika nie ankommen und den Erwerb eines Rhodes-Stipendiums für ein Studium in Oxford als Befreiung empfinden. Es gehört zu seinen eindringlichsten Beschreibungen, wie er von seiner Ankunft in England nach der Überfahrt mit dem Schiff erzählt. In diesem Moment merkt er, dass er einer Gesellschaft entkommen ist, in die er sich nicht einfügen wollte, und am Eingangstor einer anderen Gesellschaft steht, in die er sich nicht einfügen können wird. Es ist ein Moment, in dem Halls Begriffe von Differenz und Identität zu keimen beginnen.

Stuart Hall reiste 1951 mit dem Schiff nach England.
Stuart Hall reiste 1951 mit dem Schiff nach England. : Bild: Stuart Hall Familienarchiv

Unterschiede muss man aushalten

Hall gehört zu einer Generation von jungen gebildeten Mittelstandskindern, die in den vierziger und fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in Massen die Karibik verlassen, um in den Metropolen Englands und Frankreichs buchstäblich in die Moderne einzutreten. Was Hall hier realisiert, ist, dass die Marginalisierten sich nur bemerkbar machen können, wenn sie sich auf „etwas gründen“. Und dieser Grund ist eine wie auch immer formulierte Identität.

Zugleich aber wird ihm bewusst, dass Identität immer „etwas mit dem Wunsch nach Garantien zu tun hat“ - und eben die gibt es nicht. Es gebe „keine politische Garantie, die bereits in einer Identität enthalten wäre“, schreibt Hall in seinem Text „Alte und neue Identitäten“. Was es aber gibt, sind Differenzen, die auf rutschig-gleitenden Ähnlichkeits- und Differenzsystemen hin und her geschoben werden, ohne dass sie jemals auf den Grund einer essenziellen Differenz zwischen Weiß und Schwarz oder zwischen dem Westen und dem Rest führen würden. Komplex bleibt die Erkenntnis einer verflochtenen, jeweils nur geschichtlich beschreibbaren differenzierten Differenz aber auch noch aus einem anderen Grund: Man kann das oder den Anderen auf diese Weise nicht ans Ende der Welt verbannen, sondern muss die gewordenen Unterschiede aushalten.

Identität als fortlaufende Unterhaltung

Auf den Migrantenschiffen gibt es neben denen, die in eine neue Welt eintreten wollen, viele, die „nur“ deswegen nach England fahren, um Arbeit zu suchen. Für sie zu sprechen, will sich der Stipendiat nicht anmaßen, ihre Wünsche müssen sie selbst artikulieren. Dabei kann aber der Lehrer helfen, indem er den Zugang zur je eigenen Sprache öffnet.

Der Filmemacher John Akomfrah hat Hall einen 3-Kanal-Film gewidmet, in dem er die Landschaften des scheinbar idyllischen Strandjamaikas mit den grauen und tristen Industrielandschaften Englands kontrastiert. „The Unfinished Conversation“ heißt der 2012, zwei Jahre vor Halls Tod erschienene Film. Der Titel spielt auf Halls Definition von Identität als einer endlosen, „stets unbeendeten Unterhaltung“ an. Das ist mehr als ein Hinweis auf das immer dialogische Werden eines jeden Menschen.

Unterhaltung kann im deutschen Doppelsinn eben auch die populäre Massenkultur sein, für deren Verstehen es aber laut Hall immer „einer Menge an theoretischer Arbeit“ bedürfe. Einer solchen Arbeit bedarf es auch, um zu verstehen, dass Erstickungsanfälle auf Jamaika in den allgemeinen Erfahrungshaushalt eingehen können, wenn sie als solche von einem Jamaikaner beschrieben werden und nicht von einem Arzt oder Ethnologen aus Paris, London oder Wanne-Eickel – als Tropenkrankheit.

Stuart Hall: „Vertrauter Fremder. Ein Leben zwischen zwei Inseln“. Übersetzt von Ronald Gutberlet. Argument Verlag, 302 Seiten, 36 Euro.

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