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Zum Tod von Wilhelm Genazino : Stille Verzweiflung

  • -Aktualisiert am

Mit Witz und Trauer, mit Humor und Treffsicherheit: Wilhelm Genazino bei einer Lesung in Frankfurt Bild: Helmut Fricke

Unermüdlich, in immer neuen, meistens recht schmalen Romanen hat er uns eines unter die Nase gerieben: dass es im falschen Ganzen keine richtigen Teile geben kann. Zum Tod des Romanschriftstellers Wilhelm Genazino.

          Er ging nicht mehr ans Telefon ... Wilhelm Genazino war ein stattlicher Mann, der aber bei näherer Betrachtung etwas ausgesprochen Empfindlich-Zierliches hatte, und so war es bestimmt schon seine extreme Dünnhäutigkeit, die ihn davon abhielt, dauernd erreichbar zu sein. Diese Notwehr – und um eine solche handelte es sich dabei – hatte aber nichts mit der bei Schriftstellern gelegentlich anzutreffenden Koketterie zu tun, die solche Ferne und Unerreichbarkeit gerne als „Luxus“ ausgibt. Genazino kam mit dem Telefon und der nicht-elektronischen Post ein Leben lang aus, und wer ihn an der Strippe hatte, musste auch die eine oder andere Sprechpause aushalten – der Mann am anderen Ende dachte eben vorher über das, was er zu sagen hatte, nach.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Es gibt in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur keinen Zweiten, dessen Romane einander derartig, fast wie ein Ei dem anderen gleichen, wie das bei ihm der Fall ist. Seine Protagonisten, alle diese Angestellten, Kreativen oder Intellektuellen, mogeln oder ducken sich auch manchmal regelrecht unter einer auffällig unspektakulären, in der Regel in Frankfurt angesiedelten Handlung weg. Es sind durchweg Lebensvermeider, manchmal auch -verneiner, deren äußerer Erlebnisarmut ein Innenleben kontrastiert, auf dessen Reichtum Genazino selbst den größten Wert legte und mit dem er sich auch immer wieder getröstet haben mag, wenn man ihm im Gespräch damit kam, dass bei ihm alles so trostlos, so grau in grau sei – tatsächlich ein Missverständnis, wenn man sich auf die Fülle des Gedachten und Gefühlten einmal einlässt.

          Wilhelm Genazino kam 1943 in Mannheim zur Welt. Die geistige Enge seines Elternhauses und die abenteuerliche Kindheitsfreiheit, die er in den Trümmern der zerbombten Stadt auslebte, prägen so gut wie alle seine Romane, manchmal als mutwillig herbeigedachte, manchmal als zufällig auftauchende und schnell wieder verwehende Erinnerungsfetzen. Der Ernst und die Bitterkeit, mit denen diese Kindheit immer wieder aufgerufen wird, lasse darauf schließen, dass er damit nur schwer oder gar nicht seinen Frieden gemacht hat. Der fast krankhaft sparsame Vater und die hilflose Mutter, die aus ihrer Beschränktheit nicht herauskönnen, geistern wie stumm strafende Instanzen durch die Erinnerungen der Helden, der schon aufgrund dieser Erblast außerstande ist, sich aus Wohlstand oder gar Luxus etwas zu machen. Bei diesem Autor kann man lernen, was es heißt, wenn einen die Vergangenheit einholt: Sie lähmt. So steht das Leben oft still. Trotzdem widmet sich Genazino mit seltener Genauigkeit immer und immer wieder den alltäglichsten Lebensverrichtungen: dem Essen, dem Schlafen, dem Geschlechtsverkehr, dem Spazierengehen, dem Kauf von Kleidung, Kinobesuchen. Die Obsession, mit der er ihnen nachgeht, ist für ihn geradezu sprichwörtlich geworden.

          Mit Witz und Trauer, mit Humor und Treffsicherheit

          Wie wir wissen, war dieser Mann sehr viel zu Fuß unterwegs. Ihn aufgrund seiner Beobachtungsgabe, die sich üblicherweise auf den langen Stadterkundungen regt, selbst einen klassischen „Flaneur“ zu nennen, markiert indes nur das Oberflächliche seiner subtilen Kunst. Seine Helden haben zwar in einem Maße Zeit, das man heute als Luxus ansehen wird, aber sie entbehren doch des Selbstgenügsam-Müßigen. Sie nehmen alles – eine Mutter, die ihr Kind stillt oder füttert, Ehepaare, Tiere, alles, was einem in der Großstadt begegnet – so schmerzlich genau wahr, weil sie nicht anders können. Der Zwangscharakter dieser Wirklichkeitserfassung ist deswegen auch kein Selbstzweck; er widmet sich den Verrichtungen, um das menschlich Unzureichende daran herauszustellen, von dem Genazino selbst tief durchdrungen war. Das mag seinen Büchern diesen resignativen Zug verliehen haben, der manchen Leser irgendwann dann doch verschreckt hat.

          Vielleicht ist es erlaubt, unter seinen vielen Romanen einige hervorzuheben. Zunächst und vor allem die Abschaffel-Trilogie aus der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, als Genazino nach Studium und Zeitungsvolontariat freier Schriftsteller geworden war: eine so skurrile wie abgründige, mitunter auch böse, ja, bösartige Angestellten-Geschichte und sein eigentliches Debüt. Sein persönlicher Werdegang ging ein in „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ (2003), in der, wie überall bei ihm, eine quasi objektive Gerechtigkeit waltet, die ihn davor bewahrte, seine Helden selbstzufrieden erscheinen zu lassen. Ein Jahr darauf kam, längst fällig, aber gottseidank nicht zu spät, der Büchnerpreis.

          Man hat geklagt über das Trostlos-Eintönige dieser einzigartigen Romankunst. Dieser Autor war ein stiller Verzweifelter. Unermüdlich, in immer neuen, meistens recht schmalen Romanen hat er uns eines unter die Nase gerieben: dass es im falschen Ganzen keine richtigen Teile geben kann. Wenn er aber mit Adorno davon überzeugt war, dass auf dem modernen Erwerbsleben kein Segen ruhe und es kein richtiges Leben im falschen gebe, dann hat er, mit Witz und Trauer, mit Humor und Treffsicherheit das Beste draus gemacht. Am Mittwoch ist Wilhelm Genazino, dieser einzigartige Romanschriftsteller, im Alter von 75 Jahren gestorben. Deswegen ging er also schon lange nicht mehr ans Telefon.

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