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Stephen King über die Wahlen : Wir sind ein Haufen blöder Optimisten!

„Das rechte Lager hat Angst im Sonderangebot“ – und mit Trump ein Frankensteinmonster erschaffen. Stephen King ist mit dem republikanischen Kandidaten nicht zimperlich. Bild: AP

Fast täglich twittert Stephen King über den amerikanischen Wahlkampf. Weil ihm die Sache so ernst ist, hat der Starautor uns ein Interview gegeben, was er selten tut: über den Clown Trump, Hillary – und seine Landsleute.

          Mister King, Sie hatten ja eben erst Geburtstag – herzlichen Glückwunsch nachträglich!

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vielen Dank! Ich mag inzwischen neunundsechzig sein, aber ich fühle mich kein bisschen älter als achtundsechzig.

          Sie sind immer ein politischer Kopf gewesen, aber was Sie jetzt über den Wahlkampf twittern, klingt alarmiert. Haben Sie Angst?

          Ich mache mir Sorgen. Donald Trump ist nicht qualifiziert dazu, Präsident zu sein – weder von der Erfahrung her noch von seinem Temperament. Hillary Clinton dagegen ist nicht besonders beliebt beim amerikanischen Wahlvolk, aber sie kennt das Terrain – und wenn sie den Job bekommt, sollte sie in der Lage sein, ihn auch gut zu machen.

          Twitter scheint der ideale Kanal für Sie zu sein: 140 Zeichen statt der 1400 Seiten, die man von Ihnen gewohnt ist. Was gefällt Ihnen daran?

          Twitter regt zur Kürze an, und laut Shakespeare ist Kürze ja die Seele des Witzes. Man braucht ein bisschen, um zu verstehen, wie es läuft. Und natürlich ist Witz ein zweischneidiges Schwert. Ich lerne immer noch dazu.

          Wenn Sie Trump kritisieren oder für schärfere Waffengesetze plädieren – wie reagieren Ihre Follower darauf?

          Was Trump angeht, scheinen die meisten mir zuzustimmen. Und selbst wenn nicht, nehmen sie es sportlich, wenn ich mal hinlange. Die Sache mit den schärferen Waffengesetzen dagegen ist inzwischen komplett polarisiert. Es gibt so gut wie keinen rationalen Austausch mehr zwischen beiden Seiten. Also halten mich die, die für Kontrollen sind – und seien sie auch nur milde –, für ein Genie. Die anderen halten mich für ein Arschloch.

          Auch der Wahlkampf zwischen Trump und Clinton hat das Land polarisiert. Lügen, Schmähungen, Attacken: Lässt sich der Schaden überhaupt noch rückgängig machen?

          Der Schaden türmt sich schon seit 1964 auf, als der damalige Präsident Johnson den Civil Rights Act durchsetzen konnte – womit er die Dixiecrats, also die Demokraten aus den Südstaaten, in konservative Republikaner mit richtig schlechter Laune verwandelt hat. Kann sein, dass Ihre Leser das nicht verstehen, wenn sie sich nicht gerade mit der Geschichte der Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert auskennen. Ist auch egal. Sagen wir es so: Es hat einen wachsenden Angriff auf die Umgangsformen gegeben, und beide Seiten haben ihren Teil dazu beigetragen. Trump allerdings ist noch mal was ganz und gar anderes. Die Republikaner von der Tea Party haben ein Frankensteinmonster erschaffen, jetzt tobt es, und keiner kann es kontrollieren.

          Können Sie uns erklären, wer dieser Donald Trump ist?

          Donald Trump ist ein Unternehmer und Showstar, der als Präsident anfangs nur antrat, um Werbung für seine Geschäfte zu machen. Er hat überhaupt keine festen Überzeugungen. Die Republikaner, glaube ich, hat er sich ausgesucht, weil sie in ihrer Wut auf das, was sie für das Establishment halten, blind geworden sind für Trumps viele Mängel. Ich bezweifle, dass er sich bis zur Mitte der Vorwahlen überhaupt selbst ernst genommen hat.

          Noch vor acht Jahren hat die ganze Welt die Amerikaner um ihren neuen Präsidenten beneidet. Jetzt ist er verdächtig geworden, klug, engagiert und kompromissbereit, also: ein Politiker zu sein. Was ist da nur passiert?

          Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Frage beantworten kann. Im Großen und Ganzen ist die Lage für die amerikanische Mittelschicht viel besser, als sie es 2008 war. Die Wirtschaft ist wieder in der Spur, der Arbeitsmarkt ist robust, die Energiepreise sind gesunken, die Börse läuft auf Hochtouren, der Lebensstandard ist gut. Aber die Leute neigen dazu, die guten Dinge für gegeben zu halten, schlicht und einfach für ihr Recht. Sie beißen sich an der Idee fest, dass ihre Steuern hoch sind (was sie nicht sind, verglichen mit denen vor fünfzig Jahren), dass die Schuldenlast das Land in den Bankrott treiben wird (scheint unwahrscheinlich), dass der Terrorismus zunimmt (tut er nicht, auch wenn die Zwischenfälle fürchterlich sind – und eine Menge medialer Aufmerksamkeit bekommen), dass die Schwulen das Land übernehmen und die religiösen Werte unter Beschuss stehen. Das rechte Lager hat Angst im Sonderangebot, und viele Amerikaner schlagen zu. Ist auch ihr Recht. Ob es nun Ideen oder materielle Güter sind – wir leben in einer freien Marktwirtschaft.

          Und was ist aus dem legendären Optimismus der Amerikaner geworden?

          Ach Mann, wir sind doch immer noch ein Haufen blöder Optimisten! Vertrauen Sie mir!

          Wer Ihre Bücher kennt, weiß, dass man mit Clowns vorsichtig sein muss. Wird dieser Wahlkampf auch in Ihr Werk eingehen?

          Alles findet irgendwann seinen Weg in mein Werk. Alles ist Wasser auf meine Mühlen. Trump ist längst aufgetaucht – als Greg Stillson in „Dead Zone“.

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