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Romane und Trüffel : Das Internet der Pilze

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Vom Trüffeltraining mit ihrem Hund Pinsel verspricht sich Stefanie de Velasco „eine Art psychosomatischen Gewinn fürs Schreiben.“ Bild: Jens Gyarmaty

Stefanie de Velasco geht auf Trüffelsuche. Mit ihrem Hund. Weil es sie ans Schreiben erinnert. Und die apokalyptischen Teile ihres Schriftstellerinnenhirns animiert. Ein Gastbeitrag.

          Für Pilzesucher war es ein schlechtes Jahr. Der Regen blieb aus und damit auch die Pilze. Ich esse zwar gern Pilze, doch nach ihnen suchen hat mich bisher nie gereizt, zumal vor meiner Tür in Berlin gar keine Pilze wachsen, höchstens in meinem schimmeligen Keller. Andere Sachen suche und sammle ich gern. Beim Gassigehen durchforste ich mit dem Hund immer die herumstehenden Kisten und Tüten. Daraus stammt fast mein gesamter Hausrat. Büroartikel, Kleidung, Geschirr, Bücher, Filme, Platten. Ungezählt die Kleidungsstücke, die ich im Müll gefunden habe und auftrage.

          Doch selbst wenn nichts dabei ist, liebe ich es, mich vor die Sachen zu hocken und anhand der Gegenstände Lebensgeschichten zu rekonstruieren und auf Persönlichkeiten zu schließen. Ich sammle auch kleine Spielzeugfiguren und Puppen, die ich im Müll finde und die ich in einen alten, ebenfalls auf der Straße gefundenen Koffer lege. Ich stöbere darin, wenn ich nach einem Körper suche für eine Romanfigur, die noch nicht plastisch genug ist. Die Puppen erzählen mir die fiktiven Lebensläufe, sie helfen mir dabei, die passenden Worte zu finden.

          Kleine Pilze findet jeder

          Mein Hund – er heißt Pinsel – interessiert sich weder für Romanideen noch für die Kartons auf der Straße. Doch auch er sucht intensiv und mit vollem Körpereinsatz jeden Zentimeter Straße ab – nach Essen, wobei sein Speiseplan von Dönerresten bis zu menschlichen Exkrementen reicht. Vieleicht ist es dieses Trauma, als Pinsel zum ersten Mal Scheiße fraß, das mich auf die Idee brachte, ihm das Trüffeln beizubringen – und damit den Versuch zu starten, seinen Suchinstinkt zumindest soweit zu zivilisieren und kultivieren, dass er auf diese eklige Spezialität verzichtet. Außerdem hatte ich gerade Anna Tsings „Der Pilz am Ende der Welt“ gelesen, eine Ethnografie über den Matsutake-Pilz, die sich für mich wie ein Buch über das Schreiben liest.

          Teure Speisepilze sind rar, so wie gute Romanideen: Die Ausarbeitung ist eine lange Suche, nach Figuren, nach Struktur, nach Sprache. Kleine Pilze findet jeder, die guten haben Gewicht und sind selten, genau wie Romane. Und ebenso wie Pilzesuchen ist Schreiben eine prekäre Angelegenheit, die jedoch mit einem Gefühl unendlicher Freiheit einhergeht. „Staying with the trouble“ – das Credo, das die Anthropologin Donna Haraway für ein Leben auf einem zerstörten Planeten postuliert, gilt auch fürs Romaneschreiben. Die finanzielle und kreative Unruhe gehört dazu, man darf dieser Unruhe nicht ausweichen, sondern muss ihr treu bleiben, sonst kommt nichts Relevantes dabei heraus.

          Stefanie de Velasco mit Pinsel: „Den Hund trüffeln zu lassen heißt auch selber trüffeln.“

          Haraway, selbst eine große Hundenärrin, plädiert in ihren Texten für eine neue Form von Gefährtinnenschaft zwischen Menschen, Tieren und Tentakeln aller Art und sieht darin die einzige (Über-)Lebensform für uns Menschen: Lernen, in reziproken Symbiosen mit anderen Spezies zu leben.

          Den Hund trüffeln zu lassen heißt auch selber trüffeln

          Auch Literatur heißt, Dinge miteinander zu verknüpfen, die zuvor nicht zusammen gedacht wurden. Beides – die Trüffelsuche und das Schreiben – zeigt verborgene Welten auf, in denen wir bereits leben. Den Hund trüffeln zu lassen heißt auch selber trüffeln.

          Ich versprach mir davon eine Art psychosomatischen Gewinn fürs Schreiben, ein tieferes Eintauchen in das, was mich beim Schreiben suchen lässt. Außerdem stellte sich der apokalyptische Teil meines Schriftstellerinnenhirns vor, in einer zerstörten Welt zu leben, in der es keine Texte mehr gibt, keine Antibiotika und keine Altersvorsorge. Wovon würde ich leben? Könnte ich in Brandenburg nach Pilzen suchen – so wie die laotischen Flüchtlinge in den Wäldern von Oregon nach Matsutake? Ich wusste, der Matsutake wächst hier nicht, aber ein teurer Pilz, einer mit hohem kulturellem Wert müsste es sein. So oder so ungefähr kam ich auf den Trüffel.

          Eine erste kurze Recherche lässt mich hoffen. In ganz Deutschland gibt es Trüffel, besonders in Berlin. Denn Trüffel lieben kalkhaltigen Boden, und den findet man in einer Stadt, die auf Kriegsschutt errichtet wurde, reichlich. Was ich bei meiner Recherche auch erfahre: Trüffel der Natur zu entnehmen ist in Deutschland verboten, aber ums gewerbliche Trüffeln geht es mir nicht.

          Einige Wochen später fahre ich nach Brandenburg raus. An mir zieht die trockene gelbe Landschaft vorbei. Fürs letzte Stück zum Hotel, in dem das Trüffeltreffen stattfindet, muss ich ein Taxi nehmen. Geranien zieren die Fenster des rustikalen Gebäudes, draußen frühstücken die Hotelgäste. Alte Männer und Frauen starren mich an. Was macht die Kleine mit den abrasierten Haaren und dem Star-Styling-Hoodie hier? Mutig steige ich die Eingangstreppe hoch.

          „Pilze sind wie das Internet“

          Oben im Tagungsraum sitzen bereits Thomas und Mario. Thomas hat seine Hündin mitgebracht, die ein Profi in Sachen Trüffelsuche ist. Mario ist der Pilzsachverständige der Region. Beide betreiben das Trüffeln nur als Hobby. Trüffel essen sie eher selten, vielmehr geht es ihnen darum, zu dokumentieren, wo welche Trüffel in Deutschland zu finden sind, denn Trüffel geben Auskunft über den Boden und die Bäume. „Pilze sind wie das Internet“, sagt Mario, „die Verbindungen, die sie schaffen, verbinden den Wald miteinander.“ – „The world would rap, das ist wie HipHop unterm Waldboden“, erklärt Thomas, „die Trüffel leben in Symbiose mit den Bäumen. Sie machen untereinander einen Deal: Ich versorge dich mit Mineralien, dafür lässt du mich an deiner Photosynthese teilhaben.“

          Nach und nach füllt sich der Raum. Ein Pärchen mit einem Lagotto Romagnolo, einem echten Trüffelhund, und ein paar Hundebesitzer aus der Region finden sich ein. Die meisten Hunde hier haben schon Erfahrung mit Trüffelsuche, ihr Wissen soll hier und heute vertieft werden. Doch zuerst lerne ich noch etwas übers Trüffeln.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Trüffel sind Hypogäen, unterirdisch fruchtbringende Pilze. Die Evolution hat sie gelehrt, ein besonders starkes Aroma zu entwickeln, um so von Tieren, zum Beispiel Wildschweinen, besser aufgespürt zu werden. „Über den Kot der Tiere kann der Pilz sich vermehren und neue Sporen treiben“, erklärt Thomas. Pinsel zittert. Der Tagungsraum, die vielen anderen Hunde auf dem kalten Boden – er denkt, wir sind beim Tierarzt. „Wir gehen gleich raus“, sagt Thomas. Er greift in seine Tasche und legt ein paar Sommertrüffel auf den Tisch. Ich beuge mich über die schwarzen, warzigen Dinger. Das sollen Trüffel sein? Sehen aus wie vertrocknete Tumore, denke ich, doch dann hält Thomas mir einen unter die Nase. Das duftet! Erinnerungen an die Kindheit steigen auf, innerhalb von Sekunden habe ich die Stimme meines Vaters im Ohr, wie er mit seinem alten Studienfreund Französisch spricht. Ich sehe das karierte Tischtuch vor mir auf dem Campingplatz in Soulac-sur-Mer: Berge aus Wurstpellen, Käserinden und Orangen.

          Trüffel vorm Reichstag?

          Auf dem Weg in den Wald erklärt Thomas mir, dass es ganz einfach ist, Hunde auf Trüffel abzurichten. Er hält Pinsel erst mal einen unter die Nase. „Fein“, ruft Thomas mit hoher Stimme und streckt ihm die Tube mit der Leberwurst hin. Der Hund schleckt wie irre und kann sein Leberwurstglück kaum fassen. Der Rest ist einfach. Als der Hund kapiert, dass es Leberwurst gibt, wenn er mir zeigt, wo die schwarzen Dinger liegen, findet er die von mir versteckten Dummies in Nullkommanichts. „Jetzt musst du üben“, sagt Thomas. „Geht auch mit Trüffelöl.“ Mehr braucht man nicht zur Trüffelsuche? Ich bin etwas enttäuscht. Andererseits beweist es mir das, was ich gehofft hatte. Die Gefährtenschaft zwischen Mensch und Tier funktioniert. Pfoten rascheln im Laub, die Hunde arbeiten mit der Nase am Boden.

          Und in mir keimt eine Geschichte: Ich sehe ein junges Mädchen durch eine zerstörte Landschaft laufen. Ihr Name ist Leia, so wie die berühmte Prinzessin in „Star Wars“. Sie hat niemanden, nur ihren Hund – und so ein Müllfixfahrrad, wie in den DIY-Anleitungen vom Packpapierverlag. Sie fährt durch eine von Krieg und Dürre gezeichnete Landschaft und hält nach Hainbuchen und Weißtannen Ausschau, die einzigen Bäume, unter denen noch Trüffel wachsen. Sie sammelt Trüffel und tauscht sie ein an den Festungen, in denen sich die Reichen verbarrikadieren. Aber nicht wie in „Elysium“, keine Science-Fiction, sondern viel verzweifelter und runtergekommener: Klöster und Schlösser ohne Kontakt zur Außenwelt. Die Trüffel tauscht Leia wie Waren bei den Klausurnonnen von Santa Clara, durch Drehtüren.

          Jemand tippt mir auf die Schulter, ich erschrecke. Es ist Mario. „Was ich mal fragen wollte“, sagt er, „wieso heißt der Pinsel eigentlich Pinsel?“ „Wegen der Schwanzspitze“, sage ich, „weil die so dunkel ist.“ – „Ach so“, sagt Mario, „ich dachte, weil du Schriftstellerin bist.“ „Ich bin ja keine Malerin“, antworte ich. „Ich weiß“, sagt Mario, „aber ein Pinsel ist doch so etwas wie ein Stift. Ein dicker Stift.“ – „Ja“, sage ich, „stimmt.“ Pinsel wühlt im Laub, genau an der Stelle, an der ich den Trüffel vergraben habe. „Fein“, rufe ich mit meiner hellsten Stimme und drücke ihm Leberwurst ins Maul. „Funktioniert“, sagt Mario, „jetzt einfach nur dranbleiben, dann findest du vielleicht bald Trüffel vorm Reichstag.“ „Vorm Reichstag?“ Mario nickt. „Was meinst du, was da an Bauschutt in der Nachkriegszeit gelagert wurde. Obenrum jedenfalls wächst das Richtige: Linde, Eiche, Haselnuss. Und wenn obenrum das Richtige wächst, dann auch darunter. In der Hasenheide, im Tiergarten – ich wette, überall da liegen Sommertrüffel. Da machen wir demnächst eine Trüffelshow mit den Hunden, in der Hasenheide.“ – „Darf ich da auch kommen?“, frage ich. Mario schaut mich an. „Klar, aber nur als Passantin.“

          Glücklich fahren Pinsel und ich wieder heim. Pinsel ist k.o. Zu Hause rollt er sich in seinem Körbchen ein und schläft sechzehn Stunden durch. Auch ich falle nachts in einen tiefen Schlaf. Vorher notiere ich mir aber noch das mit dem Mädchen und dem Müllfixfahrrad.

          „Die Trüffel sind dieses Jahr klein und mickrig“

          Am nächsten Tag sehe ich vieles anders. Mit Trüffelaugen. Baumhasel, Eiche, Buche, Linde – die Stadt ist voll von Zeigerbäumen, aber die meisten sind völlig ausgetrocknet. Auf der verdorrten Wiese vorm Reichstag stehen die Touristen und fotografieren sich vor der Reichstagskuppel. Das Gras ist ganz strohig, der Boden weiß wie Sand am Meer. Ich muss an ein Gedicht von Ursula K. Le Guin denken, „Whiteness“: „Whiteness in its righteousness / bleaches creatures colorless / tolerates no shadow.“

          „Die Trüffel sind dieses Jahr klein und mickrig“, hat Thomas gestern gesagt. Leidet auch das Schreiben unter dem Klimawandel? Finden die Trockenheit und die Hitze den Weg in meine Erzählungen? Ja, denn irgendwo inmitten der Ruinen, die der Klimawandel jetzt schon hinterlässt, muss ich mir als Autorin meine Neugier bewahren. Und ich muss meine Sinne schärfen – so wie Thomas und Mario – und Ausschau halten nach den neuen Zeichen, den unbekannten Verbindungen, die sich in diesen Ruinen auftun und davon Zeugnis ablegen. Denn wenn Pilze Indikatoren für den Zustand eines Waldes sind, dann ist die Literatur der Indikator für den Zustand einer Gesellschaft.

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