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Romane und Trüffel : Das Internet der Pilze

  • -Aktualisiert am

Vom Trüffeltraining mit ihrem Hund Pinsel verspricht sich Stefanie de Velasco „eine Art psychosomatischen Gewinn fürs Schreiben.“ Bild: Jens Gyarmaty

Stefanie de Velasco geht auf Trüffelsuche. Mit ihrem Hund. Weil es sie ans Schreiben erinnert. Und die apokalyptischen Teile ihres Schriftstellerinnenhirns animiert. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Für Pilzesucher war es ein schlechtes Jahr. Der Regen blieb aus und damit auch die Pilze. Ich esse zwar gern Pilze, doch nach ihnen suchen hat mich bisher nie gereizt, zumal vor meiner Tür in Berlin gar keine Pilze wachsen, höchstens in meinem schimmeligen Keller. Andere Sachen suche und sammle ich gern. Beim Gassigehen durchforste ich mit dem Hund immer die herumstehenden Kisten und Tüten. Daraus stammt fast mein gesamter Hausrat. Büroartikel, Kleidung, Geschirr, Bücher, Filme, Platten. Ungezählt die Kleidungsstücke, die ich im Müll gefunden habe und auftrage.

          Doch selbst wenn nichts dabei ist, liebe ich es, mich vor die Sachen zu hocken und anhand der Gegenstände Lebensgeschichten zu rekonstruieren und auf Persönlichkeiten zu schließen. Ich sammle auch kleine Spielzeugfiguren und Puppen, die ich im Müll finde und die ich in einen alten, ebenfalls auf der Straße gefundenen Koffer lege. Ich stöbere darin, wenn ich nach einem Körper suche für eine Romanfigur, die noch nicht plastisch genug ist. Die Puppen erzählen mir die fiktiven Lebensläufe, sie helfen mir dabei, die passenden Worte zu finden.

          Kleine Pilze findet jeder

          Mein Hund – er heißt Pinsel – interessiert sich weder für Romanideen noch für die Kartons auf der Straße. Doch auch er sucht intensiv und mit vollem Körpereinsatz jeden Zentimeter Straße ab – nach Essen, wobei sein Speiseplan von Dönerresten bis zu menschlichen Exkrementen reicht. Vieleicht ist es dieses Trauma, als Pinsel zum ersten Mal Scheiße fraß, das mich auf die Idee brachte, ihm das Trüffeln beizubringen – und damit den Versuch zu starten, seinen Suchinstinkt zumindest soweit zu zivilisieren und kultivieren, dass er auf diese eklige Spezialität verzichtet. Außerdem hatte ich gerade Anna Tsings „Der Pilz am Ende der Welt“ gelesen, eine Ethnografie über den Matsutake-Pilz, die sich für mich wie ein Buch über das Schreiben liest.

          Teure Speisepilze sind rar, so wie gute Romanideen: Die Ausarbeitung ist eine lange Suche, nach Figuren, nach Struktur, nach Sprache. Kleine Pilze findet jeder, die guten haben Gewicht und sind selten, genau wie Romane. Und ebenso wie Pilzesuchen ist Schreiben eine prekäre Angelegenheit, die jedoch mit einem Gefühl unendlicher Freiheit einhergeht. „Staying with the trouble“ – das Credo, das die Anthropologin Donna Haraway für ein Leben auf einem zerstörten Planeten postuliert, gilt auch fürs Romaneschreiben. Die finanzielle und kreative Unruhe gehört dazu, man darf dieser Unruhe nicht ausweichen, sondern muss ihr treu bleiben, sonst kommt nichts Relevantes dabei heraus.

          Stefanie de Velasco mit Pinsel: „Den Hund trüffeln zu lassen heißt auch selber trüffeln.“
          Stefanie de Velasco mit Pinsel: „Den Hund trüffeln zu lassen heißt auch selber trüffeln.“ : Bild: Jens Gyarmaty

          Haraway, selbst eine große Hundenärrin, plädiert in ihren Texten für eine neue Form von Gefährtinnenschaft zwischen Menschen, Tieren und Tentakeln aller Art und sieht darin die einzige (Über-)Lebensform für uns Menschen: Lernen, in reziproken Symbiosen mit anderen Spezies zu leben.

          Den Hund trüffeln zu lassen heißt auch selber trüffeln

          Auch Literatur heißt, Dinge miteinander zu verknüpfen, die zuvor nicht zusammen gedacht wurden. Beides – die Trüffelsuche und das Schreiben – zeigt verborgene Welten auf, in denen wir bereits leben. Den Hund trüffeln zu lassen heißt auch selber trüffeln.

          Ich versprach mir davon eine Art psychosomatischen Gewinn fürs Schreiben, ein tieferes Eintauchen in das, was mich beim Schreiben suchen lässt. Außerdem stellte sich der apokalyptische Teil meines Schriftstellerinnenhirns vor, in einer zerstörten Welt zu leben, in der es keine Texte mehr gibt, keine Antibiotika und keine Altersvorsorge. Wovon würde ich leben? Könnte ich in Brandenburg nach Pilzen suchen – so wie die laotischen Flüchtlinge in den Wäldern von Oregon nach Matsutake? Ich wusste, der Matsutake wächst hier nicht, aber ein teurer Pilz, einer mit hohem kulturellem Wert müsste es sein. So oder so ungefähr kam ich auf den Trüffel.

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