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Zum Todestag der Zweigs : Das Phantasma Brasilien

  • -Aktualisiert am

Gemeinsam in den Tod: Stefan Zweig und Lotte Zweig um 1940. Bild: dpa

Die letzten Lebensmonate in Petrópolis verbrachte der Schriftsteller Stefan Zweig angeblich im Glück. Dann wählten er und seine Frau den Freitod – ein Rätsel?

          4 Min.

          Kein Möbelstück im kleinen Zimmer. An den Wänden hängt fast nichts. Die Nachmittagssonne erfüllt den Raum mit weichem Licht. Von der Straße dringt, gedämpft durch die Bäume im Garten, das Türenschlagen vom Taxistand herauf. Es ist ein heißer schwüler Sommertag.

          Hier schlossen zwei Menschen für immer die Augen. Es ist, als träte man ihnen zu nahe in ihrem einstigen Schlafzimmer. Als die Angestellten gegen vier Uhr am Nachmittag des 23. Februar 1942 in das Haus an der Rua Gonçalves Dias 34 kommen, finden sie die Hausherren leblos auf den schmalen Betten. Die Polizei wird benachrichtigt, die Toten werden fotografiert. Stefan Zweig liegt auf dem Rücken, er hat sich fürs Sterben die Krawatte umgebunden. Lotte Zweig, die Sekretärin und zweite, viel jüngere Ehefrau, liegt im Bett rechts neben ihrem Mann. Sie hat den Kopf auf Zweigs Schulter gelegt und hält seine Hand. Auf dem Nachttisch stehen die Wasserflasche und das Glas. Die brasilianischen Gerichtsmediziner stellen später fest, dass der Tod bei Stefan Zweig früher eingetreten ist als bei seiner Frau. Offenbar hat Lotte die Überdosis des Schlafmittels Veronal erst eingenommen, als ihr Mann nicht mehr atmete.

          Dröhnendes und zugleich klagendes Schlusswort

          In einer Vitrine ist die Totenmaske Stefan Zweigs zu sehen. An der Wand hängt ein Faksimile des handschriftlichen Abschiedsbriefs von Stefan Zweig, überschrieben mit dem portugiesischen Wort „Declaração“. Ehe er „aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide“, schreibt Zweig darin am Vorabend des gemeinsamen Suizids, wolle er „eine letzte Pflicht erfüllen“. Nämlich jene, „diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, das mir und meiner Arbeit so gute und gastliche Rast gegeben“. Und weiter heißt es: „Mit jedem Tage habe ich dies Land mehr lieben gelernt und nirgends hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.“

          Hier  verbrachten Stefan und Lotte Zweig die letzten fünf Monate ihres Lebens: Die „Casa Zweig“ in Petrópolis.
          Hier verbrachten Stefan und Lotte Zweig die letzten fünf Monate ihres Lebens: Die „Casa Zweig“ in Petrópolis. : Bild: dpa

          Doch dazu habe er, „nach dem sechzigsten Jahre“ und erschöpft von den „langen Jahren heimatlosen Wanderns“, nicht mehr die Kraft gehabt und sich deshalb entschieden „rechtzeitig und in aufrechter Haltung“ mit dem Leben abzuschließen. Schließlich das dröhnende und zugleich klagende Schlusswort: „Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“ Von Lotte, die gerade einmal vierunddreißig Jahre alt offenbar ebenfalls „rechtzeitig“ mit ihrem Leben abzuschließen hatte, kein Wort.

          Gelitten und Einsamkeit und Isolation

          Auf dem Friedhof von Petrópolis liegt Lotte links von Stefan Zweig. Die schwarze Grabplatte und das Grabmal, auf dem Besucher nach jüdischem Brauch Steinchen zum Gedenken abgelegt haben, sind so mächtig, dass sie kaum ins kleine Sterbezimmer der „Casa Stefan Zweig“ passen würden. Im Haus in der grünen Kaiserstadt Petrópolis, wo sich Dom Pedro II. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts seine Sommerresidenz hatte errichten lassen, verbrachten Stefan und Lotte Zweig die letzten fünf Monate ihres Lebens. Aus ihren schriftlichen Hinterlassenschaften geht hervor, dass die beiden ihr Gastland keineswegs „mit jedem Tage mehr lieben gelernt“ hatten, wie es in Zweigs „Erklärung“ heißt. Sondern sie litten unter Einsamkeit, kultureller und sprachlicher Isolation, waren abwechselnd oder gemeinsam niedergeschlagen, ärgerten sich über das Personal. Für Lottes Asthma war das schwüle Klima im tropischen Hügelland von Petrópolis die Hölle. Wenn sie nachts von Hustenanfällen geschüttelt wurde, stimmten die Hunde der Nachbarschaft wie zum Hohn in ein Bellkonzert ein.

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