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„Grimmwelt“ in Kassel : Ein Märchenwunderland zum Mitspielen

Überraschend, erkenntnisstiftend, bisweilen sogar verstörend: Das neu gebaute Museum „Grimmwelt“ ist endlich der Gedächtnisort, den Kassel für seine berühmtesten Söhne brauchte.

          4 Min.

          Die Stimme flüstert, lockt, wirbt: „He du, komm mal her, ich will dir was erzählen.“ Wer dem Wispern folgt, muss sich im Dämmerlicht zwischen senkrecht stehenden, kratzigen Zylindern hindurchkämpfen und landet irgendwann auf einem schmalen Holzsteg vor einem mannshohen Spiegel. Auch der spricht. „Frag mich was“, murmelt er, und plötzlich tauchen Gesichter im Glas auf, Menschen, die einander beiseitedrängen und immer wieder versichern, die Schönsten im Lande seien selbstverständlich sie.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer seine fünf Märchen nicht beisammenhat, ist hier verloren. Die anderen aber verstehen sofort, wohin sie da im kärglich ausgeleuchteten Untergeschoss der „Grimmwelt“ gelangt sind: Auf Dornröschens Hecke folgt der Zauberspiegel von Schneewittchens Stiefmutter, ein projizierter Frosch begrüßt den Besucher mit einem grazilen Winken der Pfote, wer sich in ein Miniaturhaus zwängt, sieht seinen Körper plötzlich in einen Film kopiert, im Dialog mit ein paar Zwergen; eine andere Hütte entpuppt sich als Hexenbehausung, aus der auch erwachsene Besucher rasch die Flucht ergreifen.

          Ins rechte Licht gerückt

          Ein Märchenwunderland zum Mitspielen: nett, manchmal überraschend, erkenntnisstiftend und auch mal verstörend, es ist das, was man an einem Ort erwartet, der den weltweit bekannten Geschichtensammlern Jacob und Wilhelm Grimm gewidmet ist, und es ist diejenige Ebene ihres Schaffens, an die man eben anknüpfen kann, wenn man denen etwas bieten will, die sonst nichts von den Grimms wissen.

          Doch wer in der Dauerausstellung der jüngst eröffneten „Grimmwelt“ bis hierhin gekommen ist, der hat noch ganz anderes gesehen. Das beginnt mit der Museumsarchitektur, mit einem Gebäude, das sich selbstbewusst, aber ohne aufzutrumpfen in die Kuppe des Kasseler Weinbergs fügt, in etwa dort, wo einst die Innenstadt ihr Ende hatte und vor den Toren der Weg zum malerischen Bergpark Wilhelmshöhe begann. Diese Achse, längst von beiden Seiten bebaut, gibt es noch heute, auch wenn die Altstadt 1943 in den Bomben des Zweiten Weltkriegs unterging und Kassel hernach eher schmucklos und autoverkehrsgerecht wieder aufgebaut wurde. Die Torwachen, immerhin, stehen nach wie vor am Ende jener Wilhelmshöher Allee. In einer von ihnen wohnten zeitweise auch die Brüder Grimm, die mit Unterbrechungen insgesamt von 1798 bis 1829 in Kassel lebten, hier den Grundstock ihrer Märchensammlung zusammentrugen und ihm vor allem ihre sprachliche Form gaben.

          Unweit der Torwache steht ein lächerlich winziges Denkmal für die Brüder, das man leicht übersieht, und überhaupt machte die Stadt jahrzehntelang keine großen Anstrengungen, dieses gewaltige Erbe ins rechte Licht zu rücken. Das hat sich inzwischen geändert, und nicht zuletzt das Museum Grimmwelt legt davon Zeugnis ab: Erbaut in knapp zwei Jahren für dreißig Millionen Euro, tritt es mit einer Ausstellungsfläche von zunächst 1270 Quadratmetern an, die wichtigsten Aspekte in Leben und Werk der Brüder für Laien wie Fachleute darzustellen.

          Skizzen aus dem Familienalltag

          Dabei tritt hier an die Seite der Philologen Jacob und Wilhelm mit dem Maler Ludwig Emil ein weiterer, oft kaum beachteter Bruder Grimm. Was man dabei verpasst, kann man in einem eigenen Raum der Ausstellung sehen, der an die den Märchen gewidmeten anschließt.

          Das Schaffen Ludwig Emil Grimms, dessen Lebenserinnerungen gerade in einem Prachtband der „Anderen Bibliothek“ neu ediert erschienen sind, wird hier nicht nur in zwei zauberhaften Ölgemälden repräsentiert, die ein traumverlorenes Kassel nach den Napoleonischen Kriegen zeigen, sondern auch in einer ganzen Reihe von beinahe karikaturhaften Skizzen aus dem Familienalltag und zweier Papierrollen – eine von ihnen ist ein 1850 entstandenes Reisetagebuch in 83 Szenen, das eine Fahrt nach Nürnberg schildert und etwa von der Ankunft in Frankfurt im „Englischen Hof“ erzählt, von einer Führung durch die Paulskirche, die Anton Brentano gibt, und von einer Fahrt durch den damals schon von Wilhelm Hauff romantisierten Spessart samt Gasthausbesuch.

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