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Houellebecqsche Sperrfrist : Die Kritiker überschlagen sich

  • -Aktualisiert am

Streitbarer Autor: Michel Houellebecq Bild: AFP

Michel Houellebecq unterlief mit seinen Romanen „Unterwerfung“ und „Plattform“ die Sperrfrist der Geschichte. Da mutet es wie ein Treppenwitz der Geschichte an, dass die Sperrfrist für seinen neuen Roman missachtet wird.

          Wozu dienen Sperrfristen? Im Buchhandel wurden sie eingeführt, um die Lancierung eines angekündigten Bestsellers zu dramatisieren und die Konkurrenz der Medien anzustacheln. Es gab Fälle, in denen sich Rezensenten schriftlich zu ihrer Einhaltung verpflichten mussten. Bei Michel Houellebecq, dem denkbar prominentesten französischen Autor, rechtfertigte einst ein Starkritiker seinen Frühstart mit einem Leseexemplar, das beim Transport aus der Druckerei vom Lastwagen in seine Hände gefallen sei.

          In Deutschland erscheint Houellebecqs neuer Roman „Serotonin“ am 7. Januar, Dumont hat gerade die Rezensionsexemplare der Übersetzung mit der Bitte verschickt, man möge die Sperrfrist respektieren. In Frankreich kommt das Buch drei Tage früher in den Buchhandel. Vor vier Jahren, als „Unterwerfung“ ausgeliefert wurde, würdigten Terroristen dieses Ereignis mit dem Attentat auf „Charlie Hebdo“, dessen damalige aktuelle Ausgabe am gleichen Tag in die Kioske gelangte: mit dem Schriftsteller auf dem Cover und einer Kritik des Buchs, die Houellebecqs Freund Bernard Maris geschrieben hatte, der dann im Blutbad ums Leben kam.

          Statt wie geplant auf PR-Tour zu gehen, musste Houellebecq damals untertauchen. „Plattform“, 2001 erschienen, enthält ein paar – beim Überfliegen von Afghanistan formulierte – Gedanken über die Taliban, von denen seinerzeit kaum jemand wusste, wer sie waren. Der Roman mündet in ein Attentat auf dekadente Touristen. Er kam ein paar Tage vor dem 11. September in den Handel, seither gilt Houellebecq als Visionär.

          Hat Houellebecq schon einen Roman über die Gelbwesten geschrieben?

          Inzwischen jedoch scheint die Realität seine Fiktion nicht nur eingeholt, sondern überholt zu haben. Frankreich lechzt nach einem Roman über die Gelbwesten. Hat Houellebecq ihn geschrieben? Noch vor Weihnachten begann der Reigen der Rezensionen. Zum Auftakt vier Seiten im Nachrichtenmagazin „L’Obs“, das von einem Roman der „französischen Depression nach unserem Zusammenbruch“ spricht, benannt nach einem Glückshormon.

          Aber wo bleibe die Revolte, in der das Land seit Wochen schwelgt? Der siebte Roman von Houellebecq sei sein bester, so der erste Befund, doch die „Ausweitung der Kampfzone“ bleibe sein wichtigstes Werk. Seit Weihnachten ziehen nun die Tageszeitungen nach: drei volle Seiten im „Figaro“ – und ein großes Bild auf der Titelseite. Auch die Buchbeilage zwischen den Jahren in „Libération“ ist Houellebecq gewidmet. Noch im alten Jahr ist der neue Roman also abgefeiert – und auf Platz eins der Bestsellerlisten, bevor er überhaupt in den Handel kommt.

          Die Frist zwischen dem Verfallsdatum der Kritiken und dem Erscheinungstermin des Buchs erinnert an die Kluft zwischen den Eliten und dem Volk. Houellebecq kann es recht sein, der Halbwertszeit des Romans muss es nicht unbedingt schaden. Auch „Le Monde“ beugte sich dem Zugzwang, begnügte sich aber außerhalb der vorproduzierten Literaturbeilage mit einer einzigen Seite. Dieser Auszug aus dem Roman handelt von der Rivalität zwischen einer Lebensgefährtin des impotent gewordenen Florent-Claude Labrouste, Houellebecqs Alter Ego, und deren Mutter: Sie spannten sich gegenseitig die Liebhaber aus.

          Etwas krampfhaft versucht „Le Monde“, der Rezeption eine neue Wende zu geben: Das Blatt feiert eine „Phänomenologie der Fellatio“ und Houellebecqs „Rückkehr zur Literatur“. Keine Politik, keine „ideologische“ Bombe – „Le Monde“ macht sich zum Sprachrohr einer nationalen Erleichterung. Man gönnte sie dem gebeutelten Land. Doch der übertriebene Eifer der von der Konkurrenz überholten Zeitung erweckt den Eindruck, als ginge es ihr darum, auch schon die Sperrfrist betreffs Michel Houellebecqs Einzug in die literarische Ewigkeit zu unterlaufen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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