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Spektakuläre Enthüllung : „Und er war doch ein Spion!“

Walter Kempowski starb im Oktober 2007 Bild: ddp

Die erste internationale Kempowski-Tagung in Rostock begann mit einer Bombe: Der Schriftsteller Walter Kempowski hat, wie neue Forschungen belegen, viel enger mit dem Geheimdienst kooperiert als bislang bekannt.

          Aus Anlass von Kempowskis achtzigstem Geburtstag richtet Rostock die erste internationale Kempowski-Tagung aus. Edo Reents berichtet von der Ostsee - über Vorträge und Spuren des Schriftstellers in seinem Geburtsort, alles unter der Leitfrage: Was hätte Kempowski dazu gesagt?

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          * * *

          Wo anfangen? Ich sitze mit dem amerikanischen Germanisten Alan Keele am Rostocker Marktplatz im „Alex“, und wir sprechen nochmal alles durch, was er in seinem Kempowski-Vortrag gesagt hat. Es ist, in gewisser Weise, eine Bombe und jedenfalls sehr erstaunlich. Ich klappe meinen Laptop auf und schreibe mit, was Professor Keele, der Kempowski seit Anfang der achtziger Jahre kannte und Geheimdienst-Akten einsehen konnte, sagt. Er sagt: „Ja, Walter Kempowski war ein Spion! Deswegen wurde er ja auch von den Sowjets verhaftet und saß dann acht Jahre in Bautzen ein, allerdings war auch Verrat im Spiel.“

          Ausschnitt des Tagungs-Flyers

          Es war schon vorher bekannt, und Kempowski hat auch das auch nie bestritten, dass Kempowski „gegen die Kommunisten gearbeitet“ hat. Aber es war doch ganz anders, als er es in seinen Romanen „Uns geht´s ja noch gold“ und „Ein Kapitel für sich“ beschrieben hat. Er hat sich 1947/48 viel öfter mit dem CIC, der Vorgängerorganisation des CIA, getroffen und ihm freiwillig seine Dienste angeboten. Und warum? „Die Gründe waren ganz handfest. Er versprach sich davon Vorteile: materielle, die Amerikaner boten ihm dafür ein angenehmes Leben in Wiesbaden, und er hoffte auch, dass seine Familie leichter würde aus Rostock in den Westen ausreisen können.“ Kempowski bat Keele nur darum, damit erst nach seinem Tod an die Öffentlichkeit zu gehen.

          Insgesamt drei Stunden reden wir über den Fall, ich bestelle mir einen Cheeseburger und, um meine Nerven zu beruhigen, viel Bier; Professor Keele, der ein wenig aussieht wie Horst Seehofer, hat schon gegessen und trinkt nur Wasser - er ist Mormone und kommt aus Utah, wo er an einem College Germanistik lehrt. Am Ende schwirrt mir der Kopf und dem Germanistikprofessor auch: Das „angeblich“, von dem bisher immer die Rede war, wenn es um Walter Kempowskis Verhaftung durch den sowjetischen Geheimdienst ging („wurde im März 1948 wegen angeblicher Spionage verhaftet“) - dieses „angeblich“ können wir jetzt streichen. Auch Hildegard Kempowski, mit der ich nach Keeles Vortrag darüber spreche, wusste von der Sache nichts. Wir bringen das Interview mit Alan Keele, dem Kempowski sein „Echolot“ widmete und den er als Professor Flower in seinem späten Roman „Letzte Grüße“ veröffentlichte, in der Samstagsausgabe der F.A.Z..

          Ein Ufer für Kempowski

          Wo sonst anfangen? Warum bin ich nicht einen Tag früher angereist?! Dann hätte ich miterleben können, wie das „Kempowski-Ufer“ eingeweiht wurde, ein Teil des „Warnow-Ufers“ im Stadthafen, am Mittwochvormittag, im Beisein der Witwe und des Sohnes Karl-Friedrich. Die beiden Rostocker Zeitungen bringen den Vorgang, der ja keine leichte Geburt war, am Donnerstag groß mit Foto auf der Titelseite, und Hildegard Kempowski erzählt es mir zu Beginn der Tagung und wirkt ganz glücklich dabei. Sie hat ihren Hund mitgebracht, der ohne einen Mucks zwischen den Bänken sitzt. Dass die Tagung so gut besucht ist - nicht nur von Referenten, sondern auch von Zuhörern -, sollte man nicht als selbstverständlich betrachten. Helmut Arntzen, der einst in Münster lehrte, berichtet von einer Bonner Tagung vor zehn Jahren, „dort waren vielleicht sieben ältere Zuhörer“.

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