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John le Carrés Biographie : Herzzerreißend wie ein Roman, spannend wie ein Thriller

  • -Aktualisiert am

Britisch undurchschaubar: John le Carré Bild: AP

Zum Lügen geboren, zur Flucht begabt: In der Biographie des Schriftstellers John le Carrés verschwimmen Tatsachen und Fiktion.

          Im April 1964, kurz nach der Veröffentlichung seines ersten großen Bestsellers „Der Spion, der aus der Kälte kam“, nahm der Autor mit dem Pseudonym John le Carré an der amerikanischen Quizshow „To Tell the Truth“ („Sag die Wahrheit“) teil. Das Format der populären Sendung besteht darin, dass drei Kandidaten, die alle behaupten, eine bestimmte Figur zu sein, von einem Rateteam befragt werden, das die richtige Person ausfindig machen soll. Die „Betrüger“ dürfen lügen, die tatsächliche Person muss jedoch die Wahrheit sagen. John le Carré stellte sich mit zwei anderen Briten diesem Kreuzverhör. Das Rateteam wählte bezeichnenderweise den falschen Mann. Das dürfte dem Autor, der noch an der Schwelle des Ruhmes stand, nicht missfallen haben. Denn Tarnung war eine Fähigkeit, die er sich von Kind auf angeeignet hatte.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          „Der Spion, der aus der Kälte kam“ war John le Carrés dritter Roman. Der Autor, der durch diesen Klassiker des Kalten Kriegs bekannt wurde, hieß tatsächlich David Cornwell und war, nachdem die Presse seine Identität ausfindig gemacht hatte, gerade erst aus dem Geheimdienst ausgeschieden. Dort war er unter der Tarnung eines Diplomaten als Zweiter Sekretär an der deutschen Botschaft in Bonn beschäftigt gewesen. Seine Spionagetätigkeit hat er noch viele Jahre bestritten, obwohl sie ein offenes Geheimnis war.

          „John le Carré: The Biography“

          John le Carré hat stets eine Aura des Geheimnisvollen kultiviert. Wie einst dem Maler Lucian Freud ist es auch ihm gelungen, dem Mythos einer öffentlichkeitsscheuen Figur Vorschub zu leisten. Umso überraschender war es, als vor vier Jahren bekanntwurde, dass er einer autorisierten Biographie zugestimmt hatte. Er hat Adam Sisman, Verfasser angesehener Bücher unter anderem über die Historiker Hugh Trevor-Roper und Alan Taylor, sein Archiv geöffnet und sich stundenlang - Sisman schätzt, dass es insgesamt fünfzig Stunden waren - von ihm befragen lassen, länger als von irgendjemand anderem, wie der Biograph stolz vermerkt. Das 650 Seiten dicke Buch „John le Carré, The Biography“ ist soeben erschienen und wird dank seines faszinierenden Sujets mit Sicherheit zum Bestseller avancieren.

          Ein Lügner, zum Lügner geboren

          Sisman ist nicht der Erste, der versucht hat, sich le Carré biographisch zu nähern. Der Buchvorschlag eines Journalisten, dessen Lebensgeschichte den Arbeitstitel „Die Suche nach le Carré“ trug, wurde le Carré zugespielt, der das Projekt mit Hilfe seiner Anwälte unterband. Dem politischen Journalisten und Bestsellerautor Robert Harris gegenüber zeigte sich le Carré jedoch gewogener. Harris, der dieser Tage „Dictator“, den letzten Band seiner Romantrilogie über Cicero vorgelegt hat, beschloss jedoch vor einigen Jahren, seine Recherchen auf Eis zu legen, nicht zuletzt wegen Zweifel an der Sinnhaftigkeit einer Biographie zu Lebzeiten. Er will irgendwann vielleicht noch etwas zu dem Thema schreiben, hat jedoch unterdessen Sisman das Feld überlassen.

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