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Solidarität mit dem Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo : Wenn der zweite Schuh herunterfällt

  • Aktualisiert am

Friedensnobelpreisträger in Haft: Liu Xiaobo Bild: dpa

Die Macht dieses Dissidenten fürchtet das Regime in China. Deshalb ist das Strafmaß, das über Liu Xiaobo verhängt wurde, so maßlos. Er braucht unsere Unterstützung: Ein Aufruf der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller.

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          Die Köpfe von Freiheitsbewegungen bezeichnet man später als Freiheitskämpfer. Und diese Freiheitskämpfer kann man, glaube ich, in zwei Grundtypen einteilen: den Typus des Selbstüberschätzers und den Typus des Selbstzweiflers. Gewöhnlich schließt eines das andere aus. Bei Liu Xiaobo aber haben wir beides in einer Person. Und das macht ihn so wahrhaftig.

          SELBSTÜBERSCHÄTZUNG war 1989 nötig, solang die Dynamik der Revolte auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Gang war. Mut bis hin zum Todesmut aus Lebenshunger war nötig, um den Hungerstreik auszuhalten, nötig, um die Verhandlungen mit dem Militär zu führen und nach deren Scheitern eine Zwei-Stunden-Frist herauszuschinden, damit Tausende abziehen können, bevor die Panzer in die Menge schießen. Halsbrecherische Geduld, um ein Blutbad zu verhindern. Denn das Blutbad war beschlossene Sache des Regimes. Wir wissen, es hat sich immer wieder gezeigt, Massenmord gehört zum Parteiprogramm, wenn die Masse eine Diktatur ins Wanken bringt. Und es wurde geschossen. Nicht auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Das Massaker fand in den Nebenstraßen rundum statt, nicht auf dem Platz. Ein Fiasko - das lag nicht an den Demonstranten, sondern an der Rücksichtslosigkeit der Kommunistischen Partei Chinas, um ihre Alleinherrschaft auf Biegen und Brechen zu erhalten. Es ging hier ums Brechen.

          Schlimme E-Mails von Exilchinesen

          Nach dem großen Fiasko, mit der Ruhe nach dem Tumult, kamen Liu Xiaobo die SELBSTZWEIFEL. Das Alleinsein im eigenen Schädel kam. Ich versuche, es mir vorzustellen: Xiaobo so einsam und beklommen, als gehe er barfuß durch die eigene Stirn Tausende Male von einer Schläfe zur anderen. Einer wie er, mit seiner stringenten Intellektualität, kann ohne Schuldgefühle diese Katastrophe nicht analysieren. Auf dem Platz musste er so werden, wie er gesehen wurde: Eine Vergrößerung fand statt, eins zu tausend könnte man sagen. Er musste dem Helden genügen, der von ihm erwartet wurde und der er war. Und das Fiasko danach trieb ihn zurück, eins zu eins könnte man sagen, in die Trauerarbeit. Das machen nicht alle „Helden“. Aber Xiaobo.

          Er hat seine Selbstzweifel schonungslos öffentlich geäußert. Sich dem Schuldgefühl zu stellen ist eine Falle. Denn es gibt viele, die sie aufgreifen, sogar in der Ferne des Exils. Ich habe den Vorschlag Václav Havels, Xiaobo für den Friedensnobelpreis zu benennen, unterstützt und daraufhin schlimme E-Mails bekommen von Exilchinesen. Verleumdungen, Denunziation, hemmungsloser Rufmord an Xiaobo waren die Inhalte. Vielleicht ist die Emigration infiltriert vom chinesischen Geheimdienst, vielleicht ist es aber auch der eigene Irrsinn von verstörten Emigranten, die im fernen Exil Revolution auf dem Papier betreiben, mit Worten infam randalieren, während andere zu Hause Fehler machen mussten, weil sie handelten und bis heute im Dreinfinden herumirren müssen.

          Bohnensortieren in einem schummrigen Raum

          Liu Xiaobo lebte immer im Zickzack von kollektivem Freiheitsdrang und akutem Alleinsein. Er fand nach allen Niederlagen zu sich und den riskanten Kriterien zurück. Ein langer Mut und eine lange Angst sitzen in seinem Kopf zusammen. Er verließ New York, als die Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens begannen. Er bezahlte mit Gefängnis, er bezahlte mit drei Jahren Umerziehungslager. Dort musste er Tag für Tag Bohnen nach Farben sortieren. Zuerst draußen, dann in einem schummrigen feuchten Raum.

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