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Siri Hustvedt trifft Carl Djerassi : Sie kommen zusammen und finden nicht zueinander

Siri Hustvedt und Carl Djerassi während ihrer Begegnung in Mainz Bild: Frank Röth

Eine Schriftstellerin, die sich für Neurologie interessiert, und der Erfinder der Anti-Baby-Pille, der Romane schreibt: Siri Hustvedt trifft Carl Djerassi. Sie könnten sich als Kollegen betrachten. Doch mit dem Dialog ist das so eine Sache.

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          Als sie früh am Morgen die Lobby des „Hyatt Hotels“ in Mainz betreten - sie: Ende fünfzig, sehr groß, blond, von vornehmer Schönheit, er: klein, melancholisch-verschmitzter Blick, neunzig Jahre alt und agil, obwohl er am Stock geht - sieht es von weitem so aus, als hätten sie das Gleiche an. Zwei helle Gestalten, ganz und gar sandfarben gekleidet, verlassen den Fahrstuhl, bleiben in der Mitte des hohen Raums stehen und warten. Aber sie reden nicht miteinander, suchen nicht automatisch die Nähe des anderen. Der Partnerlook täuscht. Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt und Carl Djerassi, Chemiker, Mit-Erfinder der Anti-Baby-Pille und berühmt für die Synthetisierung des Hormons Cortison, sind zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und das auch zur Schau stellen.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Sollen wir nicht erst mal frühstücken?“ Siri Hustvedt drängt zum Buffet. Aber Djerassi ist da noch dabei, die jungen Studentinnen vom medizinhistorischen Institut zu begrüßen, die sich bei ihm angestellt haben. Später wird er sagen, er sei der einzige männliche Naturwissenschaftler im feministischen Programm der Universität Stanford gewesen - ein „männlicher Feminist“. Jetzt gibt er aber erst mal den Macho. „Sie heißen . . . ? Aha. Soso.“ Er grinst. Er lässt sich Zeit. „Und Sie, Sie sind auch eine Studentin?“ Er meint mich, es soll ein Witz sein. Alle lachen. Nur Siri Hustvedt nicht.

          Zwei Grenzgänger, eigentlich Kollegen

          „Life Sciences - Life Writing“ heißt das an der Universität Mainz ins Leben gerufene Graduiertenkolleg, das an diesem Morgen erstmals zusammenkommt und die beiden prominenten Gäste eingeladen hat. Es geht um Grenzerfahrungen menschlichen Lebens zwischen biomedizinischer Erklärung und lebensweltlicher Erfahrung. Und um den Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern, der bekanntlich nicht immer gut funktioniert, weil die Naturwissenschaftler den Geisteswissenschaftlern gerne vorwerfen, nur herumzureden, sich nicht mit harten Fakten zu beschäftigen, wogegen die Geisteswissenschaftler meinen, Naturwissenschaftler reflektierten die Grundannahmen ihrer Arbeit nicht. Auch an diesem Morgen wird dieser Dialog nicht funktionieren. Obwohl einen das zunächst wundert.

          Denn bei den mittlerweile am Frühstückstisch angekommenen Gästen handelt es sich nicht einfach um eine Schriftstellerin und einen Chemiker. Hustvedt hält mittlerweile immer mehr Vorträge auf Psychiatrie-Kongressen und Podien, auf denen Fragen der Neuropsychoanalyse diskutiert werden. Nach Wien wurde sie vor ein paar Jahren eingeladen, die 39. der jährlich stattfindenden Sigmund-Freud-Vorlesungen zu halten, was eine große Auszeichnung ist. Carl Djerassi arbeitet schon seit den achtziger Jahren auch als Schriftsteller, schrieb Gedichte und Kurzgeschichten, dann Romane, Theaterstücke und Autobiographien. Zwei Grenzgänger also, die sich eigentlich als Kollegen betrachten könnten.

          Ihre psychologische Lektüre durchdringt immer ihre Romane: Siri Hustvedt
          Ihre psychologische Lektüre durchdringt immer ihre Romane: Siri Hustvedt : Bild: Frank Röth

          Warum machen sie überhaupt beides, naturwissenschaftlich forschen und literarisch schreiben, und wie kam es dazu? Siri Hustvedt lehnt sich zurück. „Professor Djerassi“, wie sie ihn den ganzen Tag lang nennen wird, solle bitte zuerst auf diese Frage antworten, er habe eine längere Karriere vorzuweisen. Das sei doch eher ein Grund, warum sie zuerst sprechen solle, sagt Djerassi, denn sie sei sicher schneller fertig. Er lacht über den eigenen Witz und fügt schnell hinzu, dass es nicht bloß der Altersunterschied sei, der sie trenne. Überhaupt seien sie fundamental verschieden. „Das ist mir klar“, sagt Siri Hustvedt.

          Sie erzählt dann, wie sie ihren Abschluss in Literaturwissenschaft gemacht habe, über Charles Dickens, sich aber immer schon für Neurologie interessiert habe und von der Rockefeller Foundation irgendwann gebeten worden sei, einer Gruppe beizutreten, die sich regelmäßig zur Diskussion traf, um Forschungsergebnisse zu diskutieren. Psychoanalytiker, Psychiater, Forscher für Künstliche Intelligenz seien darunter gewesen, weshalb sie sich über Jahre mit diesen Feldern beschäftigt habe. Nachdem 2010 ihr Buch „Die zitternde Frau - Eine Geschichte meiner Nerven“ erschienen war, wurde sie zu Vorträgen eingeladen und gibt seither auch „Creative Writing“-Kurse in psychiatrischen Kliniken.

          „Ich bin ein intellektueller Schmuggler, wissen Sie?“: Carl Djerassi
          „Ich bin ein intellektueller Schmuggler, wissen Sie?“: Carl Djerassi : Bild: Frank Röth

          Was die praktizierenden Kollegen interessierte, war Hustvedts Doppelrolle in der „Zitternden Frau“. Sie war Forscherin und Objekt ihrer Forschung, Ärztin und Patientin. Nach dem Tod ihres Vaters, eines Universitätsprofessors in Minnesota, hatte die Tochter auf einer Gedenkfeier für ihn eine Rede gehalten. Oder besser: Sie hatte es versucht. Denn während des Vortrags begann sie plötzlich vom Hals abwärts zu zittern. Ihre Arme zuckten, ihre Knie knickten ein. Als sie aufhörte zu sprechen, hörte auch das Zittern auf - und Hustvedt begab sich auf den langen Weg einer Selbstdiagnose. Sie schrieb einen Essay, keinen Roman. Doch durchdringt ihre psychologische Lektüre immer auch ihre Romane. „The Blazing World“ heißt der neueste, der gerade in Amerika erschienen ist und in dem man die Geschichte von Bertha Pappenheim findet, der berühmten, als Anna O. bekannten Hysteriepatientin Sigmund Freuds. „It is frightening what we imagine and what we make by imagination“, heißt es in „Blazing World“. Es ist beängstigend, was wir uns vorstellen und zu was unsere Vorstellungen uns treiben.

          Carl Djerassi hat da keine Angst. Er wartet darauf, dass er endlich dran ist. Noch mit fünfzig, sagt, er, sei er mit Haut und Haaren Naturwissenschaftler gewesen, ein Workaholic, der nicht auf die Idee gekommen wäre, auch nur eine Zeile eines Gedichts oder Romans zu schreiben. Erst mit sechzig sei das anders geworden, als er seine dritte Frau kennengelernt habe, Diane Middlebrook, die auch in Stanford Professorin war und Bücher über die Dichterin Anne Sexton, über Sylvia Plath und Ted Hughes schrieb.

          Naturwissenschaftler reflektieren sich generell nicht selbst? Siri Hustvedt glaubt es nicht
          Naturwissenschaftler reflektieren sich generell nicht selbst? Siri Hustvedt glaubt es nicht : Bild: Frank Röth

          „Ich begann damit, Bücher für meine Zwecke zu nutzen. Ich bin ein intellektueller Schmuggler, wissen Sie? Ich wollte das, was mich interessierte, nicht nur in den Naturwissenschaften selbst, sondern auch an den Forschern, an einem bestimmten Verhalten von Naturwissenschaftlern, einem breiten Publikum zugänglich machen. Also verpackte ich es in Literatur. Ich schrieb Fiktion, Romane und Autobiographien. Und erst da fing ich an, mich selbst zu reflektieren. Ich bin Chemiker und war bis dahin vor allem Chemiker. Und Chemiker reflektieren sich nicht selbst. Niemals. Naturwissenschaftler, so denke ich, reflektieren sich generell nicht selbst.“ Siri Hustvedt lacht. „Lassen wir die Neurologen mal beiseite“, sagt Djerassi. „Die Psychoanalyse halte ich nicht mal für eine wissenschaftliche Disziplin.“ Hustvedt lacht wieder.

          „Hatten Sie denn irgendwelche literarischen Vorbilder, als sie zu schreiben begannen?“, fragt sie. Djerassi kramt in seiner Tasche und zieht sein Buch „Vier Juden auf dem Parnass“ heraus, eine fiktive Unterhaltung zwischen Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Gershom Scholem und Arnold Schönberg. Er habe über diese vier geschrieben, über vier verschiedene Versionen des Judentums, um seine eigene Identität in der Identität der anderen zu finden, erzählt Djerassi, der 1923 als Kind eines jüdischen Arztpaares in Wien zur Welt kam und nach dem sogenannten Anschluss Österreichs mit der Mutter nach Amerika floh. „Ich habe mich auf diese Weise selbst analysiert. Freud hätte sicher gesagt: ,Du bist verrückt! Du kannst dich nicht selbst analysieren!‘“ - „Aber Freud hat sich doch selbst analysiert“, wirft Hustvedt ein. Djerassi kriegt das nicht mit, er redet einfach weiter. Es sei so eine Sache mit dem Dialog, murmelt Siri Hustvedt vor sich hin.

          Für ihn ist Literatur ein wichtiges Instrument, um über moralische Implikationen naturwissenschaftlicher Forschung zu reden; Carl Djerassi
          Für ihn ist Literatur ein wichtiges Instrument, um über moralische Implikationen naturwissenschaftlicher Forschung zu reden; Carl Djerassi : Bild: Frank Röth

          „Science-in-Fiction“ heißt das Genre, das Carl Djerassi für sich erfunden hat und das er von Science-Fiction abgrenzt, weil die wissenschaftlichen Inhalte in diesem Genre nicht frei erfunden sein sollen. Von einem Wissenschaftler, der eine Theorie über die Entstehung von Krebs entwickelt, handelt sein Roman „Cantors Dilemma“, von einer Methode zur Entwicklung genetischer Fingerabdrücke „The Bourbaki Gambit“. Und in „Menachem’s Seed“ geht es um Reproduktionstechnologie, zu der Djerassi sich in den letzten Jahren immer wieder geäußert hat. Mit scharfer Kritik zuletzt, als die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff in ihrer Dresdner Rede über künstliche Reproduktion behauptete, „Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind“, seien „als Halbwesen“ anzusehen. Da war er völlig entgeistert.

          Literatur sei ein wichtiges Instrument, um über moralische Implikationen naturwissenschaftlicher Forschung zu reden, sagt Djerassi, der in Stanford auch schon „Science-in-Fiction“-Kurse gegeben hat. Doch letztlich bleiben es zwei getrennte Welten: „Hard Science“ auf der einen, Literatur als „Transmitter für Informationen“, als didaktisches Instrument, auf der anderen Seite. Hustvedt, für die Geschichtenerzählen und medizinische Praxis zusammengehören, zitiert den Wissenschaftshistoriker Thomas S. Kuhn: Forscher könnten sich nie ganz sicher sein, ob sie die Phänomene der realen Welt verstanden hätten. Und zwar deshalb, weil sie alle Ergebnisse ihrer Experimente nur innerhalb eines anerkannten theoretischen Rahmens interpretierten, dem zu einer bestimmten Zeit gültigen „Paradigma“. Passt etwas nicht in dieses Raster, wird es ignoriert, lächerlich gemacht, als Messfehler oder Zufall wegerklärt. Djerassi geht auf Hustvedts Einwand nicht ein. Sie kommen einfach nicht zusammen.

          Als die beiden hellen Gestalten später den Seminarraum des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin betreten, in dem die jungen Wissenschaftler des neu gegründeten Graduiertenkollegs sich zusammenfinden, setzen sie sich sehr weit auseinander. Der Ton wird höflicher. Manchmal braucht man erst mal Abstand, um einen Dialog überhaupt beginnen zu können.

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