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Siegfried Lenz : Zur Freundschaft geboren, zum Schreiben bestellt

Die Pfeife macht unermüdlich: Lenz im Februar 2011 Bild: dpa

Im Fernsehporträt aus Anlass seines 85. Geburtstags erleben wir den Erzähler, Romancier und moralischen Zeitgenossen Siegfried Lenz auch als noblen Gastgeber eines dänischen Kaffeekränzchens. Dabei brilliert er in der Kunst der Konversation.

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          Im Haus des Schriftstellers Siegfried Lenz auf der dänischen Insel Fünen, in dem er mit Ulla, seiner zweiten Frau, viele Monate des Jahres verbringt, geht gerade die nachmittägliche Kaffeestunde zu Ende. Ein paar Freunde sind da, man plaudert heiter. Dann wird der Rest des Kuchens abgeräumt, dafür stellt Frau Ulla ein neues Utensil auf den Tisch.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Während die Kamera des Dokumentaristen Adrian Stangl fast vornehm langsam auf den Herrn des Hauses zufährt, sagt Siegfried Lenz mit der ihm eigenen verschmitzten Noblesse zwei kurze Sätze, die sein ganzes Wesen auf wunderbare Weise ausdrücken. „Wenn ich das richtig definiere“, er meint Frau Ullas Utensil, „scheint das ein Aschenbecher zu sein.“ Kleine Pause. „Und wenn die Gesellschaft zustimmt“, fährt er fort, „heißt das, ich bin nicht fern von einer Pfeife.“

          Das müsste man können, aber zu lernen ist es eben nicht: so viel Klugheit, Mitmenschennähe, Rücksicht und genießerische Utopie in einem winzigen spätnachmittäglichen Konversationssplitter. Nein, fern von einer Pfeife war Siegfried Lenz sein ganzes Erwachsenenleben lang nie. Und natürlich lässt es sich das filmische Porträt, das aus Anlass seines fünfundachtzigsten Geburtstags am kommenden Donnerstag entstand, nicht entgehen, neben dem alsbald in eine zarte dänische Rauchwolke eingehüllten Erzähler dank der Hilfe von Archivaufnahmen auch den jungen Mann ins Bild zu bringen, der um die Mitte der fünfziger Jahre in einem Hamburger Studio eines seiner ersten Fernsehinterviews gibt, allerdings erst, nachdem die Pfeife gestopft und der Tabak entzündet ist.

          Markenzeichen seit eh und je: Lenz mit Pfeife im Jahr 1975

          Als Literatur noch Repräsentanz verbürgte

          In den gut fünfundfünfzig Jahren, die zwischen dem frühen Medienauftritt und der gegenwärtigen dänischen Idylle liegen, ist ein Werk gewachsen, das diesen Autor zu einem „Volksschriftsteller“ in wahrhaft urdemokratischer Manier hat werden lassen. Die Formel vom Volksschriftsteller geprägt hat Marcel Reich-Ranicki, der in Stangls Film zusammen mit Ulla Hahn, Amos Oz und Günter Grass den Literaten Lenz, dessen Themen und dessen Stil charakterisiert, während Helmut Schmidt naturgemäß dazu berufen ist, das Hanseatische und „Nordische“ in der Biographie und in den Büchern zu benennen. Der Schauspieler Jan Fedder, seinerseits in so mancher Lenz-Verfilmung präsent, ist schließlich für das Meer, die Wellen und die Fische im Lebenskosmos seines Freundes zuständig.

          Siegfried Lenz, das wird aus allen Äußerungen evident, ist ein zur Freundschaft geborener Mensch - mit sichtlichem Vergnügen erzählt er selbst von Reich-Ranickis Kritikerskepsis seinen Romanen gegenüber und ist noch heute von dessen sportlicher Metapher angetan, die ihm, dem Verfasser von Kurzgeschichten, beste Sprinterqualitäten attestierte, seine Ausdauerfähigkeit auf längeren Erzählstrecken aber entschieden bezweifelte. Diebische Freude macht es ihm danach, auf die Bestsellererfolge zumal seiner Romane „Deutschstunde“ oder „Heimatmuseum“ hinzuweisen - Triumphgesten kämen ihm auch dabei nie in den Sinn.

          Vom masurischen Geschichtenzyklus „So zärtlich war Suleyken“ bis zur 2008 erschienenen Liebesnovelle „Schweigeminute“ - immer blieb bei aller Anerkennung auch ein kritischer Widerstand gegen sein als gefügig, bisweilen gefällig empfundenes Erzählen. Den Büchnerpreis etwa hat Siegfried Lenz nie erhalten. Gerade aus zeitlicher Distanz aber wird immer deutlicher, dass seiner Autorengeneration - und vorzüglich eben auch ihm selbst - mit Schreiben sowie mit moralischem Engagement noch etwas gelang, was seither abhandengekommen ist: der Literatur Repräsentanz zu verschaffen.

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