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Christina Viragh wird siebzig : Ungarn ist ihr Lebensland

Christina Viragh Bild: picture alliance / dpa

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Christina Viragh hat die ungarische Literatur in Deutschland heimisch gemacht – und ihr eigenes Erleben zu Romanen.

          2 Min.

          Selbst wenn es ihre eigenen Romane nicht gäbe, wäre Christina Viragh aus der deutschsprachigen Literaturgeschichte nicht wegzudenken, denn als Übersetzerin aus dem Ungarischen, ihrer Muttersprache (sie wurde 1953 in Budapest geboren, aber die Eltern flohen wenige Jahre später nach dem gescheiterten Volksaufstand gegen die kommunistische Herrschaft in die Schweiz), hat sie dafür gesorgt, dass die Bindung der ungarischen Literatur an die deutsche so eng ist wie an keinen anderen Sprachraum. Nehmen wir nur das berühmteste Beispiel: Imre Kertészs „Roman eines Schicksalslosen“, in Ungarn erschienen 1975, ging in seiner ersten deutschen Übersetzung unter. Viragh wagte sich 1996 an eine zweite, und damit begann der weltweite Triumphzug dieses Buchs des Schoa-Überlebenden Kertész, der 2002 im Literaturnobelpreis gipfelte.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Aber Viragh hat auch anderen prominenten ungarischen Schriftstellern ihre deutsche Stimme gegeben: allen voran Péter Nádas, für dessen Roman „Parallel­geschichten“ im Jahr 2012 ein wahrer Preisregen vor allem auf die Übersetzerin niederging, dann Sándor Márai (auch dessen Roman „Die Glut“, der diesen Schriftsteller ins deutsche Bewusstsein brachte), Dezső Kosz­tolányi, Antal Szerb und László Krasznahorkai. Frauen gibt es nicht in ihrem Buchportfolio als Übersetzerin und nur wenige Vertreter anderer als der ungarischen Sprache, doch die französischen haben es in sich: Marcel Proust ist dabei, und gleich nach der Arbeit am „Roman eines Schicksals­losen“ machte sie sich an eine neue deutsche Fassung des französischen Romanklassikers „Der große Meaulnes“ von Alain-Fournier. Und das für einen deutschen Klassikerverlag: Manesse.

          Doch so wie Ungarn ihr Lebensland ist, wurde ihre verlegerische Heimat von 2003 an der Ammann-Verlag, der bis zu seinem Aus im Jahr 2009 für junge Schweizer Literatur eine zentrale Anlaufstelle war. Dabei war Viragh gar nicht mehr so jung, als dort ihr eigener Roman „Pilatus“ erschien, und der war auch nicht ihr Prosadebüt. Vielmehr waren seit den frühen Neunzigerjahren schon drei weitere Romane bei Klett-Cotta erschienen, doch die hatten keine große Resonanz. Wie viel das verlegerische Engagement von Egon Amann ausmachte, zeigte sich dann daran, dass „Pilatus“ zwar eine Fortsetzung der Handlungen aus den vorhergehenden Romanen darstellte, aber viel größere Beachtung als diese fand.

          Das Hauptaugenmerk von Viragh galt dennoch lange dem Übersetzen. Heute lässt sie sich nur noch selten dafür gewinnen; selbst Nadás’ jüngster Roman hat sie offenbar nicht mehr verlockt. Dafür er­scheint in sechs Wochen wieder ein eigener: „Montag bis Mittwoch“, mittlerweile bei Dörlemann, einem anderen kleinen, aber feinen Schweizer Verlag. Wie alle bisherigen Romane von Viragh ist auch er eng mit den Erlebnissen seiner Autorin verknüpft. Die schildert darin den Jahreslauf zweier Freunde, die sich ir­gendwann im frühen 21. Jahrhundert an ihre Twen-Zeit mit einem Dritten in den Achtzigern erinnern, während es sie nun durch Italien, die Schweiz und Süddeutschland treibt – in jeder Hinsicht ein höchst bewegtes Buch, nämlich ständig unterwegs zwischen Intro­spektion, Retrospektive und rein äußer­licher Beschreibung (bis hin zum Rezept einer Spätherbstsuppe aus Usbekistan). Produktive Verunsicherung ist das Programm dieser Prosa, aber eines ist sicher: Von Christina Viragh, die heute ihren siebzigsten Ge­burtstag feiert, möchte wir noch Weiteres lesen.

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