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Sibylle Lewitscharoffs Rede : Hören Sie nicht auf Frau Doktor Frankenstein

Sibylle Lewitscharoff Bild: Marcus Kaufhold

Im Gruselkabinett: Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff ist beim Wort zu nehmen - sie wertet menschliches Leben ab.

          3 Min.

          Sibylle Lewitscharoff hat am vergangenen Sonntag in Dresden eine Rede gehalten, in der sie ihre „Abscheu“ über die moderne Reproduktionsmedizin erklärte. Die dabei entstandenen Kinder bezeichnete sie als „Halbwesen“, „zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas“. Diese Kinder seien „nicht ganz echt in meinen Augen“, sagte die Büchnerpreisträgerin in der Matinée im Staatsschauspiel Dresden. Entstanden sind sie „auf abartigen Wegen“, durch das „Fortpflanzungsgemurske“ von „Frau Doktor und Herrn Doktor Frankenstein“. Der Suhrkamp Verlag hat sich inzwischen von der Rede seiner Autorin distanziert.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Sibylle Lewitscharoffs Abscheu bezieht sich auf drei Millionen Menschen - vorsichtig geschätzt. Sie spricht von den Zwillingen in unserem Nachbarhaus, vom Sohn unserer Freunde, die sonst kinderlos geblieben wären, von der Tochter des lesbischen Paares, die in die Schule meiner Tochter geht. Angesichts der Umstände, die deren Zeugung vorausgingen, hält Lewitscharoff ein „Onanieverbot“ für „weise“ und Leihmutterschaft für Teufelszeug.

          Sie weiß um die Wirkung von Worten

          Man wüsste gern, was sie eigentlich mit all ihrer Abscheu anfängt, wenn sie diesen Kindern oder anderen Menschen, die ihre Existenz der Reproduktionsmedizin verdanken, zufällig begegnet. Immerhin meint sie zu wissen, was unweigerlich in diesen Geschöpfen aus der Retorte vorgehen muss, und ahnt die Verstörung eines Kindes, „wenn es herausbekommt, welchen Machinationen es seine Existenz verdankt.“ Und falls es bei den Betroffenen zur Verstörung nicht reicht, haben sie nun wenigstens jemanden, der sie ihnen einredet.

          Sibylle Lewitscharoff ist Schriftstellerin. Sie weiß um die Wirkung von Worten. Die wichtigste Auszeichnung im deutschsprachigen Literaturbetrieb erhielt sie im vergangenen Jahr laut Jurybegründung für ihre „unerschöpfliche Beobachtungsenergie, erzählerische Phantasie und sprachliche Erfindungskraft“, mit der sie „die Grenzen dessen, was wir für unsere Wirklichkeit halten, neu erkundet“.

          Wie ernst es ihr ist

          In ihrer nun beanstandeten Dresdner Rede mit dem Titel „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“ hat sie zumindest klargestellt, was ihre eigene Wirklichkeit ist und dass sie damit tatsächlich Grenzen überschritten hat, die man in unserer Gesellschaft seit Gründung der Bundesrepublik für unüberschreitbar gehalten hatte: Zumindest darüber, was einen Menschen ausmacht, glaubte man nicht mehr diskutieren zu müssen, auch nicht darüber, wer ganz zu uns gehört und wer nur „Halbwesen“ ist, mit welchen Konsequenzen auch immer.

          Man kann sich die Rede auf der Website des Theaters anhören und dabei rasch begreifen, dass es sich nicht etwa um einen Scherz oder jene Ironie handelt, mit die Autorin ihre öffentlichen Auftritte sonst gern würzt und damit zum Widerspruch einlädt. Nein, Sibylle Lewitscharoff beteuert gleich zu Beginn ihrer sonntäglichen Rede, wie ernst sie es meint: „Ohne Frage, es ist existentiell“.

          Kein literarisches Spiel

          Umso erstaunlicher, dass die Rede so lange unbeachtet blieb. Die „Sächsische Zeitung“, neben dem Theater Mitveranstalter der Matinee, lobte in einer Würdigung gar die „kühle Stimme“, mit der Lewitscharoff „die heiligen Kühe des Fortschritts“ metzele. Anders verhielt sich wenige Tage später der Chefdramaturg des Dresdner Staatsschauspiels. In einem offenen Brief erklärte Robert Koall der Schriftstellerin, dass er lieber „die guten Sitten und Gebräuche der Gastgeberschaft“ verletze, „als Ihnen nicht zu widersprechen“. Weil Sibylle Lewitscharoff, „eine der meistbeachteten deutschen Schriftstellerin“, öffentlich „ein beängstigendes Menschenbild“ pflege „das Verklemmung mit Verachtung paart“.

          Und es wird noch monströser: Sibylle Lewitscharoff kommen die „Kopulationsheime“, die im Nationalsozialismus eingerichtet wurden, „um blonde Frauen mit Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen“, im Vergleich mit unserer Gegenwart „fast wie harmlose Übungsspiele“ vor. Hauptsache Kopulation?

          Dies ist kein Spaß, kein literarisches Spiel. Sibylle Lewitscharoff kann schwerlich für sich reklamieren, dass sie hier in der Sprache der Engel oder mit Tieren redet, wie sie das ihren Büchern zu tun pflegt. Wo es ihr so offensichtlich ernst ist mit ihrer Abscheu, mit der von Ressentiments getriebenen Ausgrenzung menschlichen Lebens, da verdient sie eine Antwort auf der Höhe der Gegenwart - auch wenn sie sich in ihr nicht zuhause fühlt.

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