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Sibylle Lewitscharoff : Jugendlicher Trip mit Dante

  • -Aktualisiert am

Greift mit Dante nach den Sternen: Autorin Sibylle Lewitscharoff. Bild: dpa

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff zu Gast im Frankfurter Literaturhaus: Mit lebendigen Erzählungen reißt sie die Lesung aus ihrem Dante-Roman hoch.

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          Up, up and away. Ein Hit des Jahres siebenundsechzig, als man überall abhob. Die Gruppe, die ihn sang, hieß passenderweise 5th Dimension. „We could flat among the stars, you and I.“ Unter den Sternen könnten wir beide wohnen! Ein Liedchen, süß und harmlos. Sibylle Lewitscharoff aber, die es im Frankfurter Literaturhaus zitiert, ist alles andere als harmlos. Ihre warme Altstimme klingt, wenn sie liest, wirbt, schimpft, eifert, schließlich meditativ wird, wie ein schwäbelnder Blues, und wie schön, wie menschlich ist diese leise, niemals stupid auftrumpfende regionale Färbung!

          Unter den Sternen wohnte zwar Dante Alighieri nicht direkt, aber er reiste zwischen ihnen herum, geführt von den Augen der Beatrice. Vorher hatte er, die „Göttliche Komödie“ erzählt’s, Hölle und Fegfeuer durchmessen, mit Vergil als Schutzpatron. Sibylle Lewitscharoff schreibt an einem Dante-Roman, genauer ist ihr Stoff ein Kongress von Dante-Forschern an Pfingsten 2013 in Rom. Und wieder ereignet sich ein Wunder. Bis auf den Berichterstatter, einen Frankfurter Romanisten, wird die gelehrte Gesellschaft in den Himmel entrückt, samt einem Hündchen. In „unendlichen Glücksgewittern“ muss sich das abgespielt haben, genauer erfahren wir’s nicht.

          LSD mit zwölf Jahren

          Die Autorin hat die Dante-Übersetzungen studiert, auf Deutsch gebe es fünfzig, davon zehn gute. Aus der ganzen „Göttlichen Komödie“ werde seit dem Krieg und den Lagern fast nur noch der erste Teil gewürdigt, die Hölle: „Da wird gepeinigt, Sadismus hoch zehn“, sagt sie, „das spricht mich sehr an.“ Im zweiten Teil, dem Purgatorium (dem Fegefeuer), bewundert sie die Loslösung, die Sänftigung der Sprache: „Große Klasse!“ Und erst das Paradiso! Rationalität, Realismus und die Erlösungshoffnungen, die Kosmologie des Sternhimmels nicht zu vergessen, und alles in glanzvoller Poesie! Szenenapplaus des Publikums brandet an dieser Stelle auf, die Sibylle Lewitscharoff schön vorbereitet hatte.

          Und wie ist es genau mit dem entrückten Hündchen? „Tiere geben große Kraft.“ Wieder Szenenapplaus. Diese Theologie hatte eine Vorgeschichte. Mit zwölf Jahren nahm sie LSD, fuhr Straßenbahn, da erschienen ihr die Toten der Familie, der Vater und die Großmutter. Etwas, wonach der Mensch sich sehnt, sei ihr damals nahegekommen. Sibylle Lewitscharoffs Theologie passt schlecht auf Kirchentage.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

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