https://www.faz.net/-gr0-8baum

Roman über Flüchtlinge : Durch die Maschen des Netzes schlüpfen

  • -Aktualisiert am

Schriftstellerin Shumona Sinha bedient sich gern drastischer Mittel. Bild: Patrice Normand

Shumona Sinha verlor ihren Job als Dolmetscherin für Flüchtlinge, als ihr Roman „Erschlagt die Armen!“ erschien – dort kommen insbesondere bengalische Zuwanderer wie sie selbst schlecht weg. Eine Begegnung.

          5 Min.

          Heute, sagt Shumona Sinha an diesem hellen, frühwinterlichen Tag, an dem wir von unserem Café aus Touristen dabei beobachten, wie sie den fernen Eiffelturm fotografieren, heute würde sie die Geschichte anders schreiben. Nicht, weil sie ihren Job verloren hat, als ihr Buch „Erschlagt die Armen!“ in Frankreich erschien. Darüber kann sie mittlerweile lachen, sogar sich freuen, immerhin hat ihr die ziemlich dämliche Reaktion des französischen „Amtes für Flüchtlinge und Staatenlose“ viel Aufmerksamkeit beschert. Sie würde anders, also „weniger grausam“ schreiben, weil jetzt, da ihr Roman auch ins Deutsche übersetzt wurde, alle Welt über Flüchtlinge redet, und man mit einer Geschichte wie der ihren leicht zur Kronzeugin für Interessen wird, die man eigentlich nicht vertritt.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Flüchtlinge kommen nicht gut weg in ihrem Buch. Zwar stammt keiner von ihnen aus Syrien oder dem Nahen Osten. Keiner flieht vor Krieg oder politischer Verfolgung, aber genau das ist der Punkt. Denn die Flüchtlinge im Roman, die alle, wie Shumona Sinha selbst, aus dem Nordosten Indiens stammen, wissen nur zu gut, dass die einfache Sehnsucht nach einem besseren Leben kein Recht ist, auf das Frankreich ihnen erlaubt, einen Anspruch zu erheben. Also lügen sie das Blaue vom Himmel herunter: Sie erzählen von Toten, die plötzlich an Guavenbäumen in ihren Gärten baumelten; sie versichern, von Terroristen verfolgte Christen zu sein, aber wissen nicht, welches wichtige Fest die Christen im Winter feiern; sie wollen studiert haben, doch an den Namen des Fachs können sie sich nicht erinnern. „Sie dachten, sie könnten dank ihres schauspielerischen Talents durch die Maschen des Netzes schlüpfen. Man sah über ihre Ungeschicklichkeit hinweg. Man kritisierte sie nicht wegen mangelnder Neugier für das Aufnahmeland oder dafür, dass die Sprache ihnen für immer fremd blieb bis auf die zwei, drei Worte, die sie stammelten, um ihre Rechte einzufordern.“ Und mit diesem lapidaren Satz ist nicht einmal der schonungsloseste Befund zitiert, der sich in dem schmalen, nur wenig mehr als hundert Seiten zählenden Roman von Shumona Sinha finden lässt.

          Überdruss, Erschöpfung und Wut

          Wenn die 1973 in Kalkutta geborene Sinha, die mit ihrer gepflegten Erscheinung ebenso wie mit der Wahl ihres Wohnorts im feinen sechzehnten Arrondissement eine größtmögliche Distanz zum Sujet ihres Buches demonstriert, wenn sie also sagt, sie würde heute „weniger grausam“ schreiben, ist das zwar leicht nachvollziehbar. Aber als offensichtliches Zugeständnis an politische Korrektheit ist es auch ein seltsames Missverständnis in eigener Sache. Denn Sinhas Buch lebt von seiner stilistischen und inhaltlichen Drastik, ähnlich wie es übrigens auch ihre anderen Romane „Fenêtre sur l’abîme“ (2008) und „Calcutta“ (2014) tun. In „Erschlagt die Armen!“ erfahren die Dinge allerdings eine zusätzliche Brisanz dadurch, dass die Konstellation im Roman den realen Gegebenheiten sehr nahekommt. Sinha leugnet das nicht. So trägt die im Roman vorkommende Behörde zwar keinen Namen. Sie ist aber leicht als jenes „Amt für Flüchtlinge und Staatenlose“ zu identifizieren, für das die Autorin selbst einige Monate lang als Dolmetscherin aus dem Bengalischen tätig war - genauso wie die Ich-Erzählerin des Buches, die eines Tages einem indischen Asylbewerber eine Flasche über den Kopf zieht. Aus heiterem Himmel? Nein, aus Überdruss, Erschöpfung und Wut, denn, so formuliert es diese gefallene Heldin einmal: „Mich ärgert es, für andere zu weinen.“

          Genau dies, einen Mangel an Empathie, hat die Behörde, die sich bei der Veröffentlichung des Buches 2011 in Frankreich natürlich angesprochen fühlte, der Schriftstellerin denn auch vorgeworfen. Sinha, so schrieben die Vorgesetzten in einem Brief, bringe in dem Text ihre Verachtung für Asylbewerber zum Ausdruck, was der Arbeit eines Amtes, das sich um Respekt und Würde bemühe, entgegenstehe. Sie verlor ihren Job. Aber sie bekam eine neue Stelle als Lehrerin, erhielt einen kleineren Literaturpreis und viel Zuspruch für das Buch, das tatsächlich weit raffinierter ist als die Reaktion der Beamten, die vom Unterschied zwischen Autor und Erzähler offenbar noch nicht gehört hatten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Fenster und ein Telefon: gerade die zwei vielleicht wichtigsten Verbindungen zur Außenwelt

          Isolation an den Feiertagen : Wie Corona unserer Psyche schadet

          Ein Ende der sozialen Isolation ist vorerst nicht in Sicht. Nun müssen wir auch noch die Feiertage ohne Freunde und Familie überstehen. Was macht das mit uns? Über ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.