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Sein bester Roman? : Der fahle König aus dem Seesack

  • -Aktualisiert am

Schon vor dem „tax day” bei Amazon zu haben: „The Pale King” Bild: Verlag

Keiner dreht in dieser Bürohölle unbehelligt eine Seite um: Ein nachgelassenes Romanfragment von David Foster Wallace wirbelt das literarische Amerika auf. Viele Kritiker sind begeistert. Doch es ist ein Tornado der Langeweile.

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          Kapitel 25 umfasst vier Seiten, jeweils zweispaltig bedruckt. „Der ,bedeutungslose' Chris Fogle dreht eine Seite um“, heißt der tonangebende erste Satz, während wir im letzten erfahren: „Ann Williams dreht eine Seite um.“ Das wissen wir freilich schon seit dem gleichlautenden Satz sechs, dem voranging: „Howard Cardwell dreht eine Seite um. Ken Wax dreht eine Seite um. Matt Redgate dreht eine Seite um. Der ,lässige' Bruce Channing heftet ein Formular an eine Akte.“ Später aber wird uns auch über ihn mitgeteilt: „Der ,lässige' Bruce Channing dreht eine Seite um.“ Und im strikt unveränderten Wortlaut und Kurzsatzbau bekommen wir teilweise mehrfach zu lesen, dass auch David Cusk, Sandra Pounder, Lane Dean Jr., Olive Borden, Chris Acquistipace, Rosellen Brown, R. Jarvis Brown, Ryne Hobratschk, Latrice Theakston, Ed Shackleford, Elpidia Carter, Anand Singh, Harriet Candelaria, Bob McKenzie, Boris Kratz, Jay Landauer, Ellis Ross, Joe Biron-Maint, Paul Howe eine Seite umdrehen.

          Darf denn Langeweile übergreifen?

          Angesichts solchen Seitengeraschels zieht sich selbst ein bloß vierseitiges Kapitel lange hin, auch wenn dieser oder jener ausgefallene Name kurz für Ablenkung sorgt und zwischendurch vermerkt wird, dass Ann Williams etwas schnüffelt, Meredith Rand etwas an ihrer Nagelhaut tut, Lane Dean Jr. seine Kinnlinie mit seinem Ringfinger nachzeichnet, Ed Shackleford eine Schublade öffnet und einen Augenblick braucht, um genau die richtige Heftklammer zu finden, Paul Howe eine Schublade öffnet und hineinschaut und sie schließt, ohne etwas herauszunehmen, die Lippen von Robert Atkins sich stumm bewegen, die Raumtemperatur 80 Grad Fahrenheit beträgt und Teufel in Wirklichkeit Engel sind.

          Anspielungen auf Suizide: Schriftsteller David Foster Wallace (1962 bis 2008)

          Darf denn die Langeweile in dem Bürogefängnis, wo Insassen der Finanzbehörde die eingehenden Steuerklärungen sichten und sortieren, auch auf die Leser der Geschichte, die sich diese Langeweile und darüber hinaus eine das Leben verschlingende Unlust und Dumpfheit zum Thema gemacht hat, übergreifen? Eigentlich nicht, aber David Foster Wallace scheint es tatsächlich darauf angelegt zu haben, Langeweile nicht nur zu schildern, sondern sie als existentielle Grunderfahrung schon im Lesevorgang direkt fühl- und erlebbar zu machen.

          Aber als einzige künstlerische Absicht kann das nicht gutgehen bei einem Buch mit einem Umfang von 548 Seiten, und so fehlen auch nicht die Blitze, die in den Bericht übers öde, seelentötende Dahinleben einschlagen. So machen wir in Kapitel 36 die Bekanntschaft eines Jungen, der sich vorgenommen hat, „seine Lippen auf jeden Quadratzoll seines eigenen Körpers zu pressen“, ein Projekt, an dem er jahrelang arbeitet. Als wäre das nicht Sensation genug, bringt Wallace die Stigmatisierung eines Padre Pio und Franz von Assisi sowie einer Theresa Neumann ins Spiel. Frage nun niemand nach den Verbindungssträngen zu den Hauptfiguren, den Steuerprüfern im IRS Regional Examination Center von Peoria, Illinois. Wir müssen uns jedoch auch nicht damit begnügen, sie nur beim Seitenumdrehen zu beobachten. Wie sie dorthin gelangt sind und womit sie sich vorher beschäftigt haben, kommt gleichfalls zur Sprache, manchmal ausführlich, manchmal in vagen Andeutungen. Alles aber bleibt bruchstückhaft, experimentell zusammengenäht in fünfzig Kapiteln, die es fertigbringen, auf sechs Zeilen zu schrumpfen und sich über hundert Seiten auszudehnen.

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