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Autor Kim Stanley Robinson : Wenn die Städte unter Wasser stehen

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Einer Ihrer Erzähler – der eben schon erwähnte Banker – versucht einer junge Dame zu demonstrieren, dass er auch andere Talente hat, und erfindet sogenannte „Seegras-Architektur“, die auf dem Meer schwimmt und sich so den Gezeiten anpassen kann.

Ja, Franklin macht eine sehr interessante Erfindung. Die Idee kam mir, als ich lernte, dass die problematischsten Zonen in überfluteten Städten gar nicht die Gegenden sind, die ständig unter Wasser stehen. Viel schlimmer wäre es nämlich in der sogenannten Gezeitenzone, in der die Bausubstanz ständig wechselnden Einflüssen ausgesetzt wäre. Bewohner dieser Zonen könnten sehr von einer schwimmenden „Seegras-Architektur“ profitieren, die an flexiblen Strängen im Boden verankert ist und sich so mit den Gezeiten bewegt. Als ich das Kapitel schrieb, war ich durchaus ein bisschen stolz auf meine Idee. Kurz darauf lernte ich allerdings ein paar Städteplaner kennen, die gerade in der Kleinstadt McMurdo auf Ross Island arbeiten, in der viele amerikanische Polarforscher stationiert sind. Und die erzählten mir, dass sie dort schon lange über ganz ähnliche Ideen nachdenken.

Ich finde es wichtig, dass ein großer Teil Ihres Buches in dieser Gezeitenzone spielt. Midtown ist in Ihrem Szenario manchmal unter Wasser und manchmal nicht. Die Gebäude werden durch den Wechsel zwischen Luft und Wasser marode. Die ursprünglichen Besitzer sind ausgezogen und haben Platz gemacht für Obdachlose und Hausbesetzer.

In der Recherchephase für mein Buch war ich besonders fasziniert von der Idee, dass Gezeitenzonen nicht nur physisch, sondern auch rechtlich in einem Zustand der Mehrdeutigkeit schweben. Ein Großteil des amerikanischen Eigentumsrechts basiert bis heute auf römischen Vorbildern. In diesen antiken Gesetzestexten wurden der Strand und die Gezeitenzonen grundsätzlich als eine Art öffentlicher Raum behandelt, der niemandem gehören konnte. Zumindest theoretisch ist es also möglich, dass der Klimawandel große Teile des heute sehr wertvollen Privateigentums in eine Art Gemeingut verwandeln könnte.

Könnte man sich nicht auch vorstellen, dass die Leute eine Stadt wie New York irgendwann einfach verlassen werden?

Klar, der Ozean ist einerseits widerspenstig und schwer zu bändigen. Salzwasser zersetzt irgendwann jede Bausubstanz, Wellen sind unermüdlich. Aber andererseits hat die Menschheit mit diesen Problemen inzwischen auch sehr viel Erfahrung. Ein Großteil der Erdbevölkerung lebt in Hafenstädten. Hier findet mindestens die Hälfte des globalen Handels statt. Ich glaube, dass uns zu viel an der Symbolik dieser Orte liegt, um sie einfach zu verlassen. Jede Hafenstadt wird ihre jeweils ganz eigene Lösung finden müssen, mit dem steigenden Meeresspiegel fertig zu werden.

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