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Autor Kim Stanley Robinson : Wenn die Städte unter Wasser stehen

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Es gibt dieses Klischee, dass es in der Science-Fiction eigentlich immer um die Gegenwart geht.

In meinen Augen ist das nur die halbe Wahrheit. Ich vergleiche meine Spielart der Science-Fiction gerne mit einer 3D- Brille. Solche Brillen zeigen mit jeder Linse ein anderes Bild, um so ein drittes Bild mit mehr Tiefgang zu zeigen. Wenn Sie meiner Analogie folgen, dann ist bei mir die eine Linse der ernsthafte Versuch, mir die Zukunft auszumalen. Die andere Linse ist eine metaphorische Aussage über unsere eigene Gegenwart. Wenn wir uns nur auf die Gegenwarts-Linse konzentrieren, dann sehen wir nur mit einem Auge und nehmen der Science-Fiction die Möglichkeit, ein Bild mit mehr als einer Interpretationsebene zu schaffen. Wenn wir der Science-Fiction die Zukunft wegnehmen, dann nehmen wir ihr den Biss.

Sie erwähnen einen Architekten in der Widmung zu „New York 2140“: Bjarke Ingels vom dänischen Architekturbüro BIG.

Ich habe Bjarke auf einer Konferenz bei Google im kalifornischen Mountain View kennengelernt, in dem er der Firma gerade ein neues Hauptquartier baut. Seine Arbeit interessiert mich, weil Architektur und Urban Design immer auch etwas Science-Fiction in sich tragen. Man stellt sich etwas vor, das es so noch nicht gibt, und setzt dann unterschiedlichste menschliche und nichtmenschliche Akteure in Bewegung, um das Ganze Wirklichkeit werden zu lassen. Ich selber finde, dass Architektur eine interessantere Kunstform ist als die Literatur. Anstatt mit Sätzen und Wörtern kann man da echte Objekte in der echten Welt manipulieren.

Neben der Danksagung taucht Ingels auch noch einmal in Ihrem Buch auf.

Ja, stimmt. Kurz nachdem der Hurrikan „Sandy“ 2012 Teile von Manhatten überflutet hatte, dachte sich Bjarke eine Art Flutbarriere aus, um so etwas in der Zukunft zu verhindern, ein zwanzig Kilometer langer Grünstreifen, der normalerweise als Park funktioniert, aber im Ernstfall abgesperrt und zur Barriere gemacht wird. Und inzwischen wird dieser Plan tatsächlich von der Stadt umgesetzt. Im Buch erwähne ich den Plan auch. Im Buch heißt er einfach „Bjarke’s Wall“, so wie der Hardrianswall.

Manche Passagen Ihres Romans lesen sich wie Architekturkritiken. Wenn die extrem hohen „Superscraper“ beschrieben werden, die im Jahr 2140 die Upper East Side dominieren, dann klingt das nach einer Polemik gegen heutige Hochhäuser wie 432 Park Avenue, das der Architekt Rafael Viñoly am unteren Ende des Central Parks gebaut hat.

Meine Charaktere werden in solchen Momenten zum Architekturkritiker, weil Architektur auch soziale Ungerechtigkeiten und Klassenunterschiede sichtbar macht. Orte wie Manhattan werden schon heute von Superreichen als eine Art Geldparkplatz missbraucht. Viele dieser dünnen Türme sind voller Apartments, die ganze Stockwerke ausfüllen und irgendwelchen Milliardären gehören, die nur alle paar Monate mal für einen Kurzurlaub reinschauen. Den Rest der Zeit stehen diese Türme fast komplett leer und verstellen den Blick auf die Skyline. Ich finde solche Gebäude unseriös und hässlich und spiele am Ende meines Buches mit dem Gedanken, dass man sie in einer postkapitalistischen Zukunft einfach mit intelligenten Bebauungsplänen verhindern könnte. „New York 2140“ ist also in gewisser Weise auch ein Buch über Immobilien.

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