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Autor Kim Stanley Robinson : Wenn die Städte unter Wasser stehen

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Na ja, wenn man ein bisschen was von Topographie versteht, dann ist es schon deutlich naheliegender. Hier in Davis bin ich zwar ziemlich weit weg von der Küste, aber nur 15 Meter über dem Meeresspiegel. In der Welt meines Romans stünde mein Haus am Strand. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ich wollte einen Roman schreiben, der von der Überwindung unserer finanzkapitalistischen Weltordnung erzählt. Eines Tages berichtete ich also meinem Lektor beim Mittagessen von meinem Plan, einen Science-Fiction-Roman über das Finanzsystem zu schreiben. Der hielt das verständlicherweise erst mal für eine schreckliche Idee.

Er riet Ihnen davon ab?

Ein paar Tage später rief er mich an und sagte, ich hätte ja zumindest den offensichtlichen Schauplatz – die Weltfinanzhauptstadt New York – schon einmal sehr schön beschrieben. In meinem Roman „2312“ reisen die Hauptdarsteller durch das Sonnensystem und machen auch einen kleinen Zwischenstopp im überschwemmten New York. Also fiel die Entscheidung, diese kleine Szene aus einem vorherigen Buch zu einem ganzen Roman auszubauen.

Wie sah Ihre Recherche aus?

Vor allem bin ich oft nach New York gefahren und habe viel über die Geschichte der Stadt gelesen. Ich hatte sehr großen Respekt vor der Aufgabe. Von Kalifornien aus ist eine Geschichte über New York mindestens so einschüchternd wie eine, die auf dem Mars spielt. Zum Glück habe ich eine sehr gute Freundin in New York, die mir all die Orte zeigte, die den Meeresanstieg besonders gut illustrieren: Orte wie Coney Island, die unter Wasser stehen werden, und andere, die immer noch aus dem Wasser gucken würden, wie etwa die Cloisters im Norden von Manhattan. Ich habe mir eine topographische Karte des gesamten New Yorker Stadtgebiets besorgt. Überall dort, wo die Stadt die Schwelle von 15 Metern über Null überschritt, zog ich eine dicke Linie. So konnte ich auf einen Blick sehen, was unter und was über Wasser liegen würde. Ich habe diese Karte während des Schreibprozesses nie aus den Augen gelassen.

Gerade wegen solcher Genauigkeit loben Kritiker Ihre Bücher. Ist dieser Realismus denn aber überhaupt wichtig bei einem Roman, der in der Zukunft spielt?

Ein britischer Literaturwissenschaftler hat meine Bücher einmal als „vorausschauenden Realismus“ beschrieben. Mein Ziel ist es, die eigenen Spekulationen plausibel oder gar unumgänglich erscheinen zu lassen. Für den Erfolg meiner Romans ist es sehr wichtig, dass man dieses Spiel mitspielt.

Trotzdem geben Sie zu, dass der von ihnen angenommene Meeresanstieg am äußeren Rande der wissenschaftlichen Plausibilität liegt.

Ich gebe gerne zu, dass mein angenommener Meeresanstieg ziemlich hoch angesetzt ist, aber ein Klimatologe an der Rutgers University, Robert Kopp, hat eine sehr interessante Rezension meines Buches geschrieben. Er dachte zuerst, 15 Meter seien zu viel. Als er sich aber die aktuellsten Messungen verschiedener Gletscherforscher genau anschaute, musste er zugeben, dass es durchaus im Rahmen des Möglichen liegt. Erstens verstand er anders als mancher andere Wissenschaftler, dass mein Buch eben nicht nur eine wissenschaftliche Vorhersage sein will. Und zweitens stellte er fest, dass ich vielleicht gar nicht so falsch lag.

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