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Autor Kim Stanley Robinson : Wenn die Städte unter Wasser stehen

  • -Aktualisiert am
Der Architekt Bjarke Ingels, der auch in der Science-Fiction von Kim Stanley Robinson auftaucht

Sie meinen, wenn wir uns mehr für die Geschichte der Science-Fiction interessierten, wüssten wir, dass die „Climate Fiction“ von der alle gerade reden, eigentlich gar keine besonders neue Idee ist?

Genau. Alle paar Jahre stellen die Mainstream-Kritiker fest, dass sich viele Leser sehr für Science-Fiction interessieren. Und als Erstes denken sie sich meistens ein neues Genreetikett aus. In den achtziger Jahren war es die „Cyperpunk“-Literatur. Jetzt ist es eben die „Cli-Fi“.

Sie haben soeben davon gesprochen, dass Ihr neues Buch zur „near future science fiction“ gehört. In meinen Augen ist das Besondere aber gerade, dass es in einer Art Mittelfeld zwischen naher und ferner Zukunft spielt. Der Klimawandel in Ihrem Buch hat in zwei großen Schüben stattgefunden. Es spielt aber gerade nicht während dieser Schübe, sondern danach, in einer Zeit, in der die Bevölkerung sich den Veränderungen bereits angepasst hat. Wie kamen Sie genau auf das Jahr 2140?

Gute Frage. Es ist keine besonders offensichtliche Wahl. Ich wusste von Anfang an, dass mein Buch in einem New York spielen sollte, das zu einer Art Super-Venedig geworden ist. Um die Straßen von Downtown Manhattan zu venezianischen Kanälen werden zu lassen, musste ich den Meeresspiegel um mindestens fünfzehn Meter ansteigen lassen. Ich hörte mich um und lernte schnell, dass auch die besten Wissenschaftler immer noch ziemlich schlecht darin sind, die genaue Geschwindigkeit der globalen Eisschmelze vorherzusagen. Das Eis über Grönland und der Antarktis ist zu komplex strukturiert, um genau vorherzusagen, wie schnell es in den Ozean gleiten wird. Was wir allerdings wissen, ist, dass mein gewünschter Meeresspiegelanstieg von 15 Metern mindestens 120 Jahre brauchen würde. Ich musste also den Roman im Jahr 2140 spielen lassen, um mein Super-Venedig zu bekommen.

Und warum spielt Ihr Buch nicht in dem Moment, in dem New York sich verwandelt?

Mindestens ebenso wichtig war es mir zu zeigen, dass das Leben auch nach einem großen Desaster weitergeht. Der drastische Anstieg des Meeresspiegels ist eine riesige Katastrophe, aber keine Apokalypse. Heute vergisst man gerne den Unterschied zwischen den beiden, obwohl sie erzählerisch komplett unterschiedlich funktionieren. Wenn man von einer Apokalypse spricht, dann meint man eine Endzeit. Man muss sich nicht groß Gedanken darüber machen, was danach kommt, ein paar Zombies, die durch eine zerstörte Landschaft geistern, sind genug. Paradoxerweise ist es für manche Schriftsteller wahrscheinlich sogar beruhigend, in apokalyptischen Mustern zu denken. Der zeitliche Bruch einer postapokalyptische Erzählung zwingt uns, nicht daran zu denken, dass die sehr schwierige Zukunft, die unser heutiges Verhalten schaffen wird, vielleicht einmal von unseren eigenen Enkelkindern bevölkert sein könnte. Einen so einfachen Ausweg wollte ich mir nicht gönnen.

Sie wohnen in der kalifornischen Stadt Davis, 160 Kilometer im Landesinneren. Wie kommt es, dass Sie sich trotzdem so für die beiden alten Hafenstädte New York und Venedig interessieren?

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