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Elfriede Jelinek zum 70. : Die Erzählverweigerin

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Wutbegabt: Elfriede Jelinek in ihrem Haus in Wien (Archivfoto von 2004) Bild: Reuters

Heute wird die Schriftstellerin Elfriede Jelinek siebzig Jahre alt. Zu sehen ist sie kaum noch, weil sie unter Angstzuständen leidet und deshalb die Öffentlichkeit meidet. Zu hören allerdings ist sie vielerorts.

          Die Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum haben sich in Elfriede Jelinek verliebt. Das liegt unter anderem daran, dass sie gern wie auf Knopfdruck neue Protesttexte zu allen aktuellen Anlässen abliefert – ob zu Fukushima oder zu den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“, zu den Fällen von Natascha Kampusch oder Josef Fritzl, zur Bankenkrise oder zu Rechnitz (ihr bislang wohl bestes Stück, das ein Massaker an ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern 1945 in dem gleichnamigen österreichischen Dorf thematisiert). Frauenunterdrückung und Männerallmacht, sexuelle Ausbeutung und Zerstörung weiblicher Kreativität stehen sowieso stets hoch oben auf ihrer Furor-Agenda.

          Es scheint, als bestünde Elfriede Jelineks Verhältnis zur Welt in nimmermüder Empörung, Aversion, oft Verzweiflung. Wut sei ihr „Raketenantrieb“, teilte sie etwa im Programmheft zur Uraufführung ihres Stücks „Wut“ im April in den Münchner Kammerspielen mit, „um eine Art gesellschaftlicher Frustration in eine Aggression des Schreibakts umzuwandeln“. Ausgewogen war sie nie, unverbindlich schon gar nicht. Wäre sie die Musikerin, die sie nach dem Wunsch ihrer Mutter hätte werden sollen, wäre das dreifach zornige Forte ihr Markenzeichen geworden. Sie hätte die Konzertsäle nicht mit „links“, sondern mit striktem „antirechts“ gefüllt. Stattdessen gelingt ihr das, leidenschaftlich Partei nehmend, in den Theatersälen allüberall.

          Antikapitalismus im Pelzmantel

          Geboren in der Steiermark, erhielt sie als Kind Ballett- und Musikunterricht, studierte am Wiener Konservatorium Klavier, Orgel und Komposition, an der Universität Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. 1968 wird ihr alles zu viel, sie erleidet einen Nervenzusammenbruch und konzentriert sich von da an ganz aufs Schreiben. Auch schließt sie sich, dem Geist der Zeit entsprechend, marxistischen Gruppierungen an, wird 1974 Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs, der sie bis 1991 angehört. Die modebewusste Genossin, so geht die Legende, verteilte im Pelzmantel oder Chanel-Kostüm antikapitalistische Flugblätter.

          Polarisiert hat Elfriede Jelinek also immer schon. Mit ihren Romanen wie „Die Ausgesperrten“, „Die Klavierspielerin“, „Lust“, „Die Kinder der Toten“ und mit zahlreichen politischen Zwischenrufen gegen den finsteren austriakischen Konservatismus und nationalsozialistischen Bodensatz wurde sie zur meistgehassten Person der Alpenrepublik. Die schillernd sprachmächtige Erzählverweigerin lässt sich in ihrer formal radikalen Prosa wie Dramatik von der subkutanen Energie der Worte leiten und treibt wie eine Equilibristin der verbalen Surrealitäten von einer Assoziation zu tausend anderen. In den scharfkantig-treffsicheren Texten wechselt sie permanent die Ebenen, Perspektiven, Positionen, traut nichts und niemandem, nicht einmal sich selbst. Diese unendlich vielfältigen, rabiat reflexiven Klangreden und die nach allen Richtungen offenen Suaden meist ohne Figuren und Handlung mussten irgendwann von Regisseuren entdeckt werden, die nicht gern Geschichten inszenieren, sondern lieber „Textflächen performen“. Los ging der Jelinek-Theaterhype 1998 mit der monumentalen Uraufführung von „Sportstück“ durch Einar Schleef am Wiener Burgtheater; es folgten Christoph Schlingensief, Nicolas Stemann und viele, viele Stücke wie Regisseure mehr. Brisant politisch und entlarvend privat fließt in diesen Sprachsturzbächen alles und jedes zusammen und gleich wieder auseinander. Das mag mitunter beliebig anmuten, ist aber nie so gemeint.

          Als Elfriede Jelinek 2004 den Nobelpreis für Literatur bekam, würdigte die Jury neben ihrer gesellschaftlichen Haltung „den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen“. Empfand die Autorin angesichts des Preises erst „mehr Verzweiflung als Freude“, schrieb sie dann doch streitbar weiter, jedoch fast nur noch fürs Theater. Ihre sperrig-schönen Gedichte blieben leider den frühen Jahren vorbehalten: „ich bin so hoch/wie aufeinandergestellte blicke/irgendwo liegt ein lächeln von mir/am boden.“ Heute wird Elfriede Jelinek siebzig Jahre alt.

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