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Geschärfter Blick auf die Grüne Insel: Die Autorin Edna O’Brien rüttelte einst an den Grundfesten der rigiden irischen Gesellschaft. Das Foto zeigt die vergangenes Jahr in Paris. Bild: EPA

Edna O’Brien wird neunzig : Irland steckt ihr in den Knochen

Die Schmutzwäsche einer ganzen Nation: Vor sechzig Jahren hat Edna O’Briens Romandebüt Irland in helle Aufregung versetzt. Heute wird die Autorin neunzig Jahre alt.

          3 Min.

          Aus dem Abstand von sechzig Jahren ist kaum vorstellbar, wie sehr Edna O’Briens Romandebüt „The Country Girls“ (deutsch „Die Fünfzehnjährigen“) das im patriarchalisch-repressiven Würgegriff von Kirche und Staat gehaltene Irland skandalisiert hat. Der mächtigste Prälat des Landes verurteilte die Geschichte des Entwicklungsweges zweier adoleszenter Mädchen vom Lande, die, aus der Klosterschule verwiesen, in der Großstadt Freiheit, Abenteuer und romantische Erfüllung suchen, als Verunglimpfung irischer Frauen. Er nannte Edna O’Brien eine „Abtrünnige und Schmutzige“. Es zeugt von der damals erdrückenden Atmosphäre im Lande, dass sich auch die protestantische Postmeisterin des Dorfes nahe dem westirischen Elternhaus von Edna O’Brien vom Eifer erfassen ließ. Sie hielt es für eine angemessene Strafe, die Autorin, die Schande über ihre Familie gebracht habe, nackt durch die Straßen zu jagen. Als ihre Mutter Jahre später starb, fand Edna O’Brien in einem Kissenbezug das Exemplar ihres Debüts, das sie den Eltern geschickt hatte. Die Widmung und alle anstößigen Wörter waren geschwärzt worden.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Wie die zwei Generationen jüngere britisch-irische Schriftstellerin Eimear McBride in einem neuen Vorwort zu der Trilogie schreibt, die mit „Die Fünfzehnjährigen“ begann und im Laufe der nächsten vier Jahre mit „Das Mädchen mit den grünen Augen“ und „Mädchen im Eheglück“ fortgesetzt wurde, erwuchs diese Empörung aus dem Empfinden, dass Edna O’Brien in aller Öffentlichkeit die Schmutzwäsche der ganzen irischen Nation gewaschen habe. Inzwischen jedoch wird sie als Autorin gefeiert, die mit ihrer Auflehnung gegen die staatliche und religiöse Unterdrückung den Stummen eine Stimme verliehen hat.

          Die junge Schriftstellerin war bereits nach London geflohen, als sie ihren Erstlingsroman in einem atemlosen Zug verfasste. Sie erzählt gern, dass sich das Buch innerhalb von drei Wochen von selbst geschrieben habe, wie sie überhaupt das mühsame Feilen an den Texten herunterspielt, wenn sie die Auffassung vertritt, dass die Wörter immer vorhanden seien und bloß aus dem Inneren zutage gefördert werden müssten. Mitunter müsse sie an Flaubert denken, sagte O’Brien einmal, der seiner Geliebten gestand, in drei Monaten des Formulierens und Umformulierens nur einen einzigen Absatz zu Papier gebracht zu haben. Sie sprach aus Überzeugung, als sie meinte, bei Flaubert sei dichterische Leidenschaft mit dem kalten Blick eines Leichenbestatters einhergegangen. Vor lauter Gerede über die schöne Frau, die im mondänen London mit Prominenten aus Literatur, Theater, Politik und Gesellschaft verkehrte, ist die Hingabe, mit der Edna O’Brien als alleinstehende Mutter ein derart umfangreiches Werk aus Romanen, Bühnenstücken, Drehbüchern und Erzählungen zustande gebracht hat, manchmal unterschätzt worden.

          Dame oder Bäuerin?

          Die Spannung zwischen widerstreitenden Eigenschaften drängt sich bei der Lektüre von Edna O’Briens Büchern auf. Immer wieder paart sie gegensätzliche Begriffe wie Zärtlichkeit und Grausamkeit, Ängstlichkeit und Wildheit, Schmerz und Freude miteinander. Darin spiegelt sich der Zwiespalt ihres eigenen Wesens, den sie auf ihre Herkunft als Enkelin einer feinen Dame väterlicherseits und einer Kleinbäuerin mütterlicherseits zurückführt. Die unterschiedlichen Temperamente der beiden Mädchen in „Die Fünfzehnjährigen“ – das eine sanftmütig, romantisch und introvertiert, das andere berechnender und extrovertiert – lassen sich denn auch als Kehrseiten einer Medaille deuten.

          Edna O’Brien schöpft stets aus eigener Erfahrung. Oft ist ihre Fähigkeit, mit feinfühligem Scharfsinn in die emotionale Welt ihrer von unerfüllbaren Sehnsüchten getriebenen Figuren einzudringen und deren Verletzbarkeit zu beschreiben, mit Tschechows Erzählungen verglichen worden. In der Tat führt sie diese Gabe am pointiertesten in ihren Kurzgeschichten vor.

          Obwohl sie ihre Heimat früh verließ, gehört O’Brien mit ihrem Helden James Joyce, mit Samuel Beckett, den sie persönlich gut kannte, und mit Sean O’Casey zu jenen Exil-Iren, deren durch den Abstand geschärfter Blick auf die Grüne Insel gerichtet blieb. Mit ihren rötlich-braunen Locken, dem lebhaften Temperament und dem melodischen Akzent entspricht sie denn auch dem Inbegriff des romantischen Irland-Bildes. Selbst wenn sie mit ihrer Faszination für die Widerstandsfähigkeit von Frauen gegen alle Widrigkeiten das Augenmerk auf andere Welten richtet, wie unlängst erst in dem Roman „Das Mädchen“ über die Opfer der islamistischen Terrormiliz Boko Haram (für die Recherche reiste sie trotz Alter und Krankheit unverdrossen mehrfach nach Nigeria), sitzt ihr Irland nach eigenen Worten weiterhin in den Knochen und im Geist. In die Heimat will Edna O’Brien, die an diesem Dienstag ihren neunzigsten Geburtstag mit einem Vortrag über Joyce und T.S. Eliot begeht, eines Tages auch überführt werden.

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