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Schriftsteller zu Weihnachten : Heimkehr an Heiligabend

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Feiert Weihnachten mit seinem Vater, der an Demenz erkrankt ist: der Schriftsteller Arno Geiger Bild: Wonge Bergmann

An Heiligabend kehren viele von uns zurück an die Orte ihrer Kindheit. Drei jüngere Schriftsteller beschreiben hier diesen persönlichen Moment - der Österreicher Arno Geiger erzählt etwa, wie sich das Fest durch die Demenzerkrankung seines Vaters verändert hat.

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          Die Nervosität beim Heimkommen ist anders als die Nervosität beim Heimkommen im Sommer. Um die inneren Schutzmechanismen ist es jetzt schlecht bestellt; als wären die sonst so zuverlässigen Wachposten betrunken.

          Wie sich die Bevölkerung in diejenigen teilt, die lieber baden, und diejenigen, die lieber duschen, sagen die einen, Weihnachten ist schön und positiv, die andern, es ist ein Horror, es kränkt mich schon im September, es wird laufen wie immer, der Vater wird blöd schauen, die Schwester wird blöd reden, ich hätte die falsche Frisur und die falsche Beziehung - und überhaupt: Ich werde zu wenig geliebt! - Das bricht spätestens am zweiten Tag herauf.

          Bei denen, die positiv an die Sache herangehen, ist es weniger gefährlich. Dort gibt es sogar an Weihnachten einfache Geschichten. Meine Lebensgefährtin zum Beispiel: ein Glückskind! Sie sieht dem Besuch zu Hause entspannt entgegen, sie freut sich, sie sagt, alle seien wie immer, sie fühle sich in ihrer Rolle wohl, sie habe dort nicht das Bedürfnis, mehr zu sein als die Tochter ihrer Eltern. Dass dieses Bild unterkomplex sei, bedrücke sie nicht. Und dass die Rollen in diesem Jahr neu verteilt werden, weil im Herbst ihre Mutter gestorben ist - das weiß sie. Weihnachten bleibt positiv besetzt.

          Ich wäre ein feiner Schuft, wenn ich die andern im Stich ließe

          Bei mir hat die Neuverteilung der Rollen schon vor Jahren stattgefunden, ohne dass jemand gestorben wäre. Davor war alles festgefahren, und von weihnachtlichen Aufenthalten im Elternhaus hatte ich mir keinerlei Vergnügen erwartet. Darum ging's wohl nicht, sonst wäre ich weggeblieben. Das Wegbleiben wäre mir vorgekommen wie Verrat. Das ist der Hauptgrund, warum ich die Reise Jahr für Jahr angetreten habe - weil ich mir gedacht habe: Ich wäre ein feiner Schuft, wenn ich die andern im Stich ließe. Zwar gab es kurzatmige Aufschwünge, da und dort Lichtblicke, aber meistens leuchteten die Lichter auf verlorenem Posten und schmerzten den ans Dunkel gewöhnten Menschen. Ich blinzelte viel. Mit einer Körperhaltung, die für sich sprach, saß ich im Wohnzimmer und beschwor mich, jetzt nicht schlappzumachen. Oft habe ich zu mir gesagt: Mach jetzt bloß nicht schlapp! Denn ich muss zugeben: Wenn ich je Gefahr gelaufen bin, schlappzumachen, dann in Familienzusammenhängen.

          Es gab Zeiten, da hätte ich unter dem Christbaum allen erklären wollen, dass ich mir nur eines wünsche: nicht hier zu sein; sonst gar nichts. Schief stand ich da mit den Händen in den Hosentaschen wie ein verhinderter Freiheitskämpfer. Offen darüber geredet habe ich nie, ich habe es nur spüren lassen. Wie alle anderen Familienmitglieder scheute ich vor der Preisgabe meiner Gedanken zurück. Wie jeder hatte ich das Gefühl, unverstanden zu sein. Jeder wäre glücklicher gewesen, wenn er aus seiner unbefriedigenden Rolle entlassen worden wäre. Entsprechend gedämpft war die Stimmung im Haus.

          Alles ist besser geworden. Sogar der Christbaum

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