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Selbstfindung : Sehnsucht nach der Auswechslung des Ichs

  • -Aktualisiert am

Genazino (links) mit Freunden im Frankfurter Lokal Mentz. Bild: Inge Werth

Fast jede Woche lesen wir in einer Zeitung, dass wir uns „neu erfinden“ müssen. Immerzu sollen wir eine oder ein anderer werden. Zeit, mit einer im großen Stil scheiternden Welt leben zu lernen. Ein Gastbeitrag.

          12 Min.

          Ich mache einen Versuch, eine Wahrheit zu finden und ihr nahe zu kommen. Ich bin nicht gerne kühn. Genau genommen weiß ich nicht, was ich sagen soll: Deswegen rede ich. Unsere Lebensgier – man kann auch sagen: das Dynamit unserer Subjektivität – macht aus jedem Einzelnen eine unverwechselbare Person, ein Ich. Steckt in diesem Ich ein Autor, dann versucht dieser Autor, aus seiner Welterfahrung eine Kunsterfahrung zu machen. Ohne unser Zutun vergeht unsere Zeit. Oft spüren wir, wie die Zeit vergeht; aber wir können nicht sagen, wie eine Minute nach der anderen verschwindet. Genau das möchten wir können. Jeder kennt den Anblick von Menschen, die irgendwo in der Gegend herumstehen und auf ihren Augenblick warten. Zum Glück geht unser Augenblick an uns vorbei und erkennt uns nicht. „Zum Glück“, sage ich, denn man muss fürchten, dass wir diesen Augenblick nicht ertragen könnten.

          Wir meinen oft, wir müssten lügen, weil uns das Leben einfältig, schlicht und belanglos erscheint. Sonderbar und eigentlich nicht zu verstehen ist, dass durch die eine oder andere Lüge eine Art Alltagsglanz entsteht. Von der wunderbaren Schriftstellerin Virginia Woolf stammt das Zitat: „Heute kann kein einzelner Mensch mehr dem Druck gesellschaftlicher Verhältnisse widerstehen. Sie fegen über ihn hinweg und vernichten ihn. Sie lassen ihn gesichtslos, namenlos, lediglich als ihr Instrument zurück.“ Diese erstaunlichen Sätze hat Virginia Woolf Anfang der dreißiger Jahre niedergeschrieben. Fast jede Woche lesen wir in einer Zeitung, dass wir uns „neu erfinden“ sollen oder müssen. Immerzu sollen wir ein anderer werden. Gleichzeitig sollen wir bleiben, wer oder was wir geworden sind, sollen wir uns als früh veraltet durchschauen. Gibt es irgendwo einen Schrottplatz für vergammelte Individuen?

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