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Wilhelm Genazino gestorben : Eine Schule der Besänftigung

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Wilhelm Genazino, geboren am 22. Januar 1943 in Mannheim, gestorben am 12. Dezember 2018. Bild: Helmut Fricke

Seit seiner „Abschaffel“-Trilogie vor vierzig Jahren hat Wilhelm Genazino auf unvergleichliche Weise über die Zumutungen des Alltags geschrieben. Jetzt ist der Schriftsteller nach kurzer Krankheit gestorben.

          Der Schriftsteller Wilhelm Genazino ist am 12. Dezember 2018 nach kurzer Krankheit gestorben. Das teilte sein Verlag, Carl Hanser, an diesem Freitag in München mit.

          Wilhelm Genazino wurde am 22. Januar 1943 in Mannheim geboren. Er wuchs mit drei Geschwistern in ärmlichen Nachkriegsverhältnissen auf. Das Gymnasium musste er „wegen Träumens und weil ich einfach auch zu sehr mit dem Schreiben beschäftigt war“ noch vor dem Abitur  verlassen. Erst mit nahezu vierzig Jahren holte er dann das Abitur nach und studierte in Frankfurt Germanistik, Soziologie und Philosophie.

          Zunächst arbeitete Genazino als Journalist, anfangs als freier Mitarbeiter, dann als Volontär und Redakteur bei der „Rhein-Neckar-Zeitung“ in Heidelberg und Mannheim, später wieder als freier Journalist fürs Radio, für Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt bis 1971 beim satirischen Monatsmagazin „Pardon“. Seitdem arbeitet er als freier Schriftsteller. Er wurde zunächst als Autor von Hörspielen und Sketchen bekannt, die er teilweise zusammen mit Peter Knorr verfasste.  

          Am Ende wird ihnen die Welt zu viel

          Genazinos erster – später von ihm verworfener – Roman „Laslinstraße“, der die Ausbruchsträume eines Gymnasiasten gegen Ende der Adenauer-Ära zum Thema hat, fand bei seinem Erscheinen (1965) nur wenig Beachtung. Zu einer anerkannten Größe im Literaturbetrieb wurde Genazino mit seiner Romantrilogie „Abschaffel“ (1977), „Die Vernichtung der Sorgen“ (1978) und „Falsche Jahre“ (1979) über das Leben des Büroangestellten Abschaffel, der durch Entfremdung im Beruf auch sich selbst als Person verfehlt.

          Hatte sich Genazino der Frage nach Selbstverwirklichung, Anpassung und Flucht bis dahin aus einem soziologisch-psychologischen Blickwinkel genähert und dabei die Erzählkonvention der Kontinuität weitgehend eingehalten, so setzte er seinen Roman „Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz“ (1989) aus lose verknüpften, in sich geschlossenen „Prosaminiaturen“ zusammen. Mit seinem Roman „Ein Regenschirm für diesen Tag“ (2001) legte Genazino eine weitere Variante seiner Stadtgänger-Reflexionen vor. Sein Protagonist, dessen subtile Innenschau wieder mit der detaillierten Schilderung einer Großstadtkulisse verzahnt ist, ist diesmal ein namenloser Intellektueller, der sich als Probeläufer für englische Luxusschuhe mehr schlecht als recht über Wasser hält. Im heiteren Erzählstil mit ironischer Brechung befasst Genazino sich mit der Brüchigkeit heutiger Existenz.

          In Frankfurt, schrieb unsere Literaturkritikerin Lena Bopp im Januar 2013 zum sechzigsten Geburtstag des Schriftstellers, habe Genazino „eine unerschöpfliche Fundgrube“ erkannt, „weil diese Stadt so viele Versprechungen macht, die sie nicht halten kann. Und für Frankfurt, die Stadt, die immer nach Gründen sucht, die rückhaltlos für sie sprechen, erwies sich der Chronist Genazino als Glücksfall.“

          Wilhelm Genazino erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, darunter 2004 den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und 2014 die Goetheplakette der Stadt Frankfurt.

          In seiner Dankesrede zum Büchner-Preis sagte Genazino: „Beide, der Schriftsteller und der Betende, teilen die metaphysische Zuversicht, durch das Schweigen hindurch gehört und sogar verstanden zu werden. Und: bei beiden ist eine Einsicht in die Vergeblichkeit ihrer Anstrengungen vorhanden. Dennoch kümmert es beide nicht, ob sie von anderen für zurechnungsfähig gehalten werden oder nicht.“ Manchmal träume er von einer Schule der Besänftigung, die uns etwas von dem beibringen könnte, was wir dringend brauchen. „Unterrichtet würden die Fächer Existenzkunst, Enttäuschungspraxis, Sehnsuchtsabbau, Fremdheitsüberlistung, Hoffnungsclownerie.“

          Genazinos Werk wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, sein letzter Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ erschien im Frühjahr 2018. „Ganz gleich, wessen Geschichte Genazino erzählt“, schrieb Lena Bopp vor bald sechs Jahren, „am Ende hat man es häufig mit Figuren zu tun, die der Welt abhandenkommen, weil sie ihnen zu viel geworden ist.“

          Mit der Übergabe seines persönlichen Archivs an das Deutsche Literaturarchiv Marbach sorgte Genazino 2012 bereits zu Lebzeiten dafür, dass Romane, Essays, Fotos, Korrespondenzen und ein „Werktagebuch“ für die Nachwelt erhalten blieben.

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