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Zum Tod von Ricardo Piglia : Mensch aus Wörtern

Er beherrschte beides, das weiträumige Grübeln und die Kürze der Form: Ricardo Piglia. Bild: AFP

Wilde Phantasie und böser Blick: Der argentinische Schriftsteller Ricardo Piglia ist im Alter von 75 Jahren gestorben.

          Aus Gründen, die mit echter Weisheit (das Leben ist kurz) zu tun haben könnten, vielleicht aber auch nur mit einer bemerkenswerten Ahnenreihe von Jorge Luis Borges bis Julio Cortázar, sind Erzählungen bis heute die bevorzugte literarische Gattung in Argentinien geblieben – und in Ableitung davon der kurze Roman. Man muss, was wichtig ist, auf ein paar Seiten sagen können. Das Reflexionsbedürfnis der Bewohner von Buenos Aires, die wohl kaum weniger Psychoanalytiker beschäftigen als die New Yorker, steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur Masse an Seiten, die man dafür aufwenden darf.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Der argentinische Erzähler Ricardo Piglia, der jetzt im Alter von 75 Jahren in Buenos Aires gestorben ist, vereinte beides, das weiträumige Grübeln und die Kürze der Form. Seit er sechzehn war, führte er ein als Lebenswerk angelegtes Tagebuch, dessen erster Band im vorvergangenen Jahr in Spanien erschien; daneben zählte Piglia nicht nur zu Argentiniens bedeutendsten Prosaschriftstellern, er war auch ein Poeta doctus, der mehr als drei Jahrzehnte lang in Princeton Romanische Literaturen unterrichtete – nach eigener Aussage kein Exil, sondern eine dauerhafte Existenz zwischen Gehen und Bleiben.

          Seine Krimis werden überleben

           

          Bei uns hat sich der Wagenbach Verlag um die Verbreitung seiner Bücher verdient gemacht, mit Romanen wie „Künstliche Atmung“ (2002) oder den Erzählbänden „Falscher Name“ (2003) und „Der Goldschmied“ (2010). Die Bücher erschienen allerdings so deutlich phasenverschoben, dass die postmodernen Stilelemente gelegentlich überanstrengt wirkten. Piglias Intelligenz, seine wilde Phantasie und sein böser Blick sind aber fast überall zu bewundern, ebenfalls seine Verehrung für abgelegene Theorien und amerikanische Krimis aus der Noir-Serie, der er auch in eigenen Büchern huldigte. Gut möglich, dass seine Krimis „Ins Weiße zielen“ und „Brennender Zaster“ seine so philosophisch daherkommende E-Literatur überleben werden. Wegen Verletzung der Statuten durch seinen Verlag wurde Piglia der argentinische Planeta-Preis aberkannt (F.A.Z. vom 15. April 2005), eine Affäre, die bewies, dass auch die Avantgarde Teil einer nicht immer sauber arbeitenden Industrie ist.

          Wie aufhören, wenn alles gesagt ist? Vielleicht mit einer nutzlosen Einzelheit, die Ricardo Piglia, der erinnerungssüchtige Wörtermensch, im Vorwort zu seinem Tagebuch erwähnt, damals schon fast im Angesicht des Todes: Die ersten fünf seiner insgesamt 327 Tagebuchhefte stammten von der Marke „Triunfo“, alle anderen hingegen von „Congreso“, einem Papierwarenhersteller, den es heute nicht mehr gibt. Im Ernst: Wer will da noch weiterschreiben?

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